Schlagwort-Archiv: Kampfradler

„Sind das alles Rowdies?“

Weil es gerade so schön zum Thema passt — Andrea Reidl schreibt im Velophil-Blog der ZEIT über Radfahrer, die ewigen Regelbrecher?

Radfahrer werden sie von Politikern und anderen Verkehrsteilnehmern gerne als notorische Regelbrecher dargestellt. Dabei nutzen die meisten Radfahrer auch das Auto oder öffentliche Verkehrsmittel oder sie sind als Fußgänger unterwegs. Aber was macht Radfahrer zu vermeintlichen Störenfrieden auf der Straße, und welchen Anteil haben die übrigen Verkehrsteilnehmer?

So wird das nichts mit der Kampfradelei

Vorsicht! Stern TV versucht sich am Thema der Kampfradler: Kampfradeln für mehr Gleichberechtigung

Zugeparkte Radwege, unmögliche Verkehrsführung, drängelnde Autofahrer – Radler fühlen sich auf deutschen Straßen benachteiligt. Jetzt sollen sie für Fehlverhalten noch mehr büßen. stern TV diskutiert.

Eigentlich war alles cool, solange Marco Laufenberg im Bild herumradelte. Okay, das Bildmaterial, das war nicht so cool, aber der Beitrag an sich, der war bis zu dieser Stelle in Ordnung, sogar der Passus mit den benutzungspflichtigen Radweg überstand ohne Blessuren seine Sendezeit, herrje, sogar die dazugehörigen Verwaltungsvorschriften wurden zitiert.

Dann musste Marco wohl nach Hause oder es war Feierabend oder es ist sonstwas passiert, aber offenbar wurde der zweite Teil des Beitrages von einem anderen Team produziert. Ab Minute 5:18, als — schwusch! — der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers das Bild betritt, ab Minute 5:18 wurde plötzlich alles anders. Dabei könne er die Radfahrer in seiner Stadt teilweise verstehen, schließlich sei er selbst auch Radfahrer, aber er argumentiert erst einmal locker am Thema vorbei: Ja, Radfahren in Köln, das sei schon manchmal lästig, aber auch als Autofahrer komme man nicht so einfach durch die Stadt.

Darum geht es aber gar nicht. Es geht darum, sicher und nach Möglichkeit innerhalb der Verkehrsregeln durch die Stadt zu fahren. Ob man dann mal einen Umweg fahren muss oder an einer Ampel mehr als der Kraftverkehr festhängt, ist dabei erst mal zweitrangig. Nur dieses ständige Gehupe, radelt man zur Sicherung der eigenen Gesundheit nicht mitten in der Door-Zone oder auf einem buckeligen Radweg, diese ständige Aggression, die sich angesichts eines Fahrbahnradlers im Cockpit aufstaut, die ist unter anderem das Problem. Und sicherlich ist, ganz klar, gar keine Frage, auch ein Problem, von rechts abbiegenden Kraftfahrzeugen gefährdet zu werden.

Und gleich danach folgt der übliche Kram, den wir eigentlich schon hinter uns wähnten: Stern TV rezitiert den aktuellen Bußgeldkatalog und behauptet, die Nichtbenutzung eines vorhandenen Radweges koste nun zwanzig statt fünfzehn Euro. Schade, denn keine fünf Minuten vorher hatte der Sprecher im Off noch gewusst, was es mit § 2 Abs. 4 StVO auf sich hatte. Mal ganz abgesehen davon, dass die Fahrbahnradelei neben einem so genannten anderen Radweg ungefähr eine der bisherigen fünf Beitragsminuten ausmachte.

So. Nächste Szene. Da radeln welche gegen die Fahrtrichtung, werden kontrolliert und bestraft. Stern TV bemängelt das fehlende Unrechtsbewusstsein, was angesichts der Szenen dieser Kontrolle nicht unbedingt verkehrt ist. Daraus aber wiederum zu versuchen, eine Parabel auf die Gesamtheit der Radfahrer zu schlagen schlägt fehl: Auch Kraftfahrer neigen nicht gerade dazu, auf Knien rutschend ihre Strafe zu bezahlen, sondern zitieren ebenso sinnvolle Ausreden („Nachts ist doch eh keiner unterwegs“, „Tempolimits sind nur Abzocke“). Hätte man sich etwas Zeit nehmen können, hätte sich Stern TV ansehen können, warum denn hier so auffällig stark der Geisterradlerei gefrönt wird — womöglich steckt ja auch eine vollkommen missratene Radverkehrsinfrastruktur dahinter, die das Geisterradeln zwar nicht rechtfertigt, aber wenigstens die Reaktionen der ertappten Radlinge erklärt.

Und dann kommt Bernhard Stoevesandt. Es ist momentan noch nicht so ganz klar, ob es noch schlimmer hätte kommen können. Seine Ansichten mögen teilweise berechtigt und nachvollziehbar sein, indem er sich aber als Kampfradler in der Öffentlichkeit echauffiert, erweist er dem Radverkehr vermutlich einen Bärendienst, denn mit seinem Auftreten und seiner Argumentation schürt er hinter der Windschutzscheibe bedingungslose Aggressionen, die sogar bis in dieses Weblog schwappen.

Gut. Stoevesandt hat Recht wenn er bemängelt, dass die Fahrradinfrastruktur stellenweise so mangelhaft ist, dass es kaum noch möglich ist, sich an die Verkehrsregeln zu halten. Das wurde hier auch schon häufig genug diskutiert: Wenn ein Gehweg nur hin und wieder mal mit Zeichen 240 ausgezeichnet ist, dann ist man als Radfahrer, salopp gesagt, am Arsch. Radelt man nach der nächsten Kreuzung auf dem Gehweg weiter, obwohl just an dieser Stelle kein Zeichen 240 aufgestellt wurde, verhält man sich ordnungswidrig, verbleibt man die gesamte Zeit auf der Fahrbahn, verhält man sich ebenfalls ordnungswidrig und zieht sich zusätzlich den Hass der Kraftfahrer zu. Wechselt man artig und ständig zwischen Gehweg und Fahrbahn, wie es dieses Zeichen gerade anzeigt, gefährdet man sich über Gebühr und macht sich nebenbei zum Affen. Und der ganze Rest, der ist auch nicht gerade besser. Da sollen einseitige Beidrichtungs-Radwege befahren werden, die innerorts nicht nur saugefährlich und gemäß der Verwaltungsvorschriften bleiben zu lassen sind, und die sind dann auch noch so eng, also die Radwege, nicht die Verwaltungsvorschriften, dass schon ein einzelnes Fahrrad nicht einmal komplett rauf passt. Und dann soll sich der Radverkehr zum Geradeausfahren über zwei Ampeln schlängeln und zum Linksabbiegen über vier und so langsam wird klar: Das macht niemand auf Dauer gerne, zumindest nicht, wenn er nicht nur aus Spaß am Pedalieren im Sattel sitzt.

Stoevesandt meint, die Idee des Radfahrens sei schnell von A nach B zu kommen. Das ist sicher nicht verkehrt. Und ja, gar keine Frage, allzu großen Unsinn an Radverkehrsanlagen darf man auch getrost mal links rechts liegen lassen. Stoevesandt beachtet aber auch keine roten Ampeln, wenn er sie nicht für sinnvoll hält. Und damit ist leider nicht bloß das beliebte Beispiel der roten Ampel um fünf nach zwei Uhr morgens gemeint, an der weit und breit kein anderer Verkehrsteilnehmer zu sehen ist, nein, Stoevesandt bahnt sich tatsächlich auch seinen Weg mitten durch den abbiegenden Querverkehr. Da stellt sich ja fast die Frage, welche Lichtzeichenanlagen er denn wohl außer den grünen noch für sinnvoll hält. Im Kreisverkehr drehe er gleich mehrere Runden und behindere die Kraftfahrer beim Ein- und Ausfahren, wobei da natürlich wieder die Frage ist, wie genau er das mit der Behinderung denn wohl anstellt abgesehen davon, dass er nunmal im Kreisverkehr zirkuliert. Und nebenbei erwähnt ist auch die Verkehrsführung mit diesem Schutzstreifen innerhalb des Kreisverkehres höchst problematisch.

Und nun hatten wir doch ganz zu Beginn des Beitrages erklärt, was es mit § 2 Abs. 4 StVO und den Radwegen und den so genannten anderen Radwegen auf sich hat, aber jetzt wird Stoevesandt vorgehalten, statt des Radweges „die Straße“ zu benutzen, obwohl das in Ermangelung der blauen Beschilderung vollkommen legitim ist. Und dann sagt Stoevesandt auch was ziemlich wahres: Die Menschen sollen sich bewusst werden, dass sie Regeln übertreten. Und darüber nachdenken. Und es dann vielleicht auch bleiben lassen. Hinge er diese gesamte Argumentation nicht gerade an den roten Ampeln auf, könnte man hier glatt applaudieren. Ja, Hand aufs Herz, sollen die Radfahrer halt fünfzig Meter auf der linken Seite pedalieren, wenn sie denn nur wissen, was sie da tun und drauf achten, nicht vom nächstbesten abbiegenden Fahrzeug über den Haufen gefahren zu werden. Und wenn sie der Meinung sind, unbedingt auf dem Gehweg radeln zu müssen, dann bitte doch mit angepasster Geschwindigkeit und ohne den Einsatz der Klingel. Und wenn’s durch die Fußgängerzone gehen muss, herrje, dann wenigstens bitte mit absolutem Vorrang für die Fußgänger. Persönlich halte ich diese Regelverstöße zwar noch immer für unanständig und nicht empfehlenswert, aber wenn schon Regelverstoß, dann wenigstens mit Hirn.

So ein Glück, dass die Sendezeit dann vorbei war. Wer weiß, was in weiteren Minuten passiert wäre.

„ich fahr dich um du fotze“: Reaktionen auf den Kampfradler

Problematisch scheint zu sein, dass mancher Kraftfahrer nach der Eingabe des Suchbegriffes „Kampfradler“ in einer beliebigen Suchmaschine plötzlich auf dieser Seite herausgestolpert kommt. Obwohl ich mit der gestrigen Stern-TV-Sendung überhaupt nichts zu tun habe, nicht einmal Bernhard heiße und seine Meinungen nur sehr bedingt, mit Marco aber wenigstens die beiden ersten Buchstaben im Vornamen teile, wurden mir einige, naja, bereits bekannte Ansichten unterbreitet.

Interpoliert man die mir zugeschickten Meinungen einmal auf den Kraftfahrer-Anteil der Zuschauer unter der Voraussetzung, dass mir nicht jeder höchst erregte Zuschauer auch gleich eine Hass-E-Mail in den Posteingang tippt, abgesehen davon, dass ich der vollkommen falsche Empfänger bin, stehen dem Radverkehr auf Deutschlands Straßen in den nächsten Wochen wieder einige höchst interessante und vermutlich auch gefährlichere Wochen bevor, bis sich die Aufregung wieder gelegt hat: Manche Kraftfahrer konnten vor Wut kaum noch an sich halten und es ist nicht unbedingt davon auszugehen, dass es mit der Beherrschung am Steuer besser klappt.

Ich überlege, gegen mindestens zwei Absender eine Strafanzeige zu stellen, denn die Grenzen dessen, was bei mir noch als einigermaßen nerviges, aber ungefährliches Gerede durchgeht, ist hier teilweise weit überschritten.

ich kenn jetzt deine adresse.. wenn ich dich auf der straße sehe anstelle auf dem Radweg, dann fahre ich dich über, dann hast du mal einen schönen Film für deine scheiß Helmkamera. komm mir blos nicht unter die augen!!

Ihr habt sie nicht mehr alle!!!
Ihr seid keine Autofahrer, daher habt ihr nicht die gleichen Rechte!
Ihr habt vorausschauend zu fahren!
Und der typ beim stern tv heute provoziert.
Ich würde dem auch eine verpassen, wenn er mein Auto anpacken würde.
Geht zu Fuß, wenn s euch zu gefährlich ist -.-

ich fahr dich um du fotze fahr einmal auf der Straße und ich fahr dich um und dann kannst du dir deinen scheiss radweg in den arsch schieben

Sorry, aber für mich bist du der letzte Idiot Malte. Wenn es einen Fahrradweg gibt, dann sollte dieser, auch benutzt werden es ist schließlich zu deiner Sicherheit. Wir autofahrer zahlen mit unseren Steuern deine Radwege und als ,,Dankeschön” blockst du uns auf der Straße..

ich fahre auch manchmal rad kenne also beide seiten aber ich bin dankbar für jeden radweg den es gibt und du arschloch fährst mitten au fder straße und blockierst den verkehr. schon mal daran gedacht dass kinder dich sehen und dein verhalten nachmachen? du bestätigst mein vorurteil dass die meisten radfahrer einfach nur hirnlose spasten sind

Wenn´s euch auf dem RAdweg zu gefährlich ist, geht zu fuß oder fahrt mit dem auto…. lol…. aber schön immer die polizei rufen wenns mal knallt

Ihr Radfahrer seit alle Wickser.

Bußgeldkatalog: „HAZ“ hetzt gegen Radfahrer

Eigentlich fällt die Hannoversche Allgemeine Zeitung gar nicht besonders auf, denn statt ein bisschen über die Neufassung der Straßenverkehrs-Ordnung zu schreiben und die Handvoll Änderungen, die für Kraftfahrer Kraftfahrende künftig von Bedeutung sind, fanden die Niedersachsen den neuen Bußgeldkatalog so interessant, dass sie ihn auszugsweise gar auf die Titelseite der heutigen Ausgabe hievten.

Man fragt sich echt, was mit unserem Mobilitätssystem nicht stimmt, dass nicht die neuen Verkehrsregeln von Interesse sind, sondern lediglich die Kosten für Regelverstöße. Aber gleichzeitig wird immer gerne gegen Kampfradelnde gehetzt, die sich angeblich etwas zu schulden kommen ließen — so ganz sicher weiß man das ja nicht, denn dazu müssten ja die Verkehrsregeln bekannt sein.

Die dpa-Grafik 18139, die sicherlich auch in anderen Medien abgedruckt wurde, gibt den Schwachsinn wieder, den die Deutsche Presse-Agentur in einem anderen Artikel in schönster Prosa formuliert hatte. „Nicht auf dem Radweg fahren“ kostet nun zwanzig Euro, das ominöse „falsch in eine Einbahnstraße einbiegen“ ebenfalls. Für einen Hinweis auf die tatsächlichen Verkehrsregeln ist in so einer Tabelle natürlich kein Platz, obschon es nunmal eine ganz grundlegende, ja, elementare Verkehrsregel ist, dass längst nicht jeder Radweg beradelt werden muss und Radfahrer mittlerweile in vielen Einbahnstraßen auch entgegen der Fahrtrichtung rollen dürfen.

Drumherum um diese informationsarme Tabelle strickte Vera Fröhlich einen Artikel, der gar nicht zu ihrem Nachnamen passt, aber deutlich durchblicken lässt, dass sie sich eher hinter dem Steuer zu Hause fühlt. „Ab Ostermonstag wird Falschparken deutlich teurer“, titelt sie; aha, es geht also wieder nur darum, wie viel diese so genannten Kavaliersdelikte kosten — in der Feuerwehrzufahrt, im Haltverbot, auf dem Gehweg parken, das scheint in unserer Gesellschaft ganz normal zu sein. Hauptsache der Verkehr wird nicht behindert, man kennt die üblichen Ausreden. So verwundert’s auch nicht mehr, dass Fröhlich schreibt: „Am 1. April brechen für Auto- fahrer andere Zeiten an: Sie müssen für Falschparken erheblich mehr bezahlen.“

Auch wenn der neue Bußgeldkatalog nicht explizit so bezeichnet wird, schwingt doch der Vorwurf der Abzocke mit, schließlich listet die komplette erste der 2,25 Spalten in ungeahnter Sorgfalt die neuen Gebühren auf, die auf die armen „Gebührenverweigerer“ zukommen werden. Die Forderung der Redaktion muss wohl „kein schlechtes Wort gegen Autofahrer“ gelautet haben, die beinahe in eine Opferrolle erhoben werden.

Dann widmet sich Fröhlich den neuen Bußgeldern für Radfahrer und greift sofort ins übliche Vokabular. Merke: Das Parken an den umöglichsten Stellen ist nur ein Kavaliersdelikt, dessen Sanktionierung bloße Abzocke, aber „Rowdys“ auf dem Rad müssen für die Nichtbenutzung eines beschilderten Radweges — aha, ob das nun jemand kapiert? — bloß zwanzig Euro zahlen. „Rüpeleien“ wie das Fahren gegen die Einbahnstraße werden ebenfalls teurer.

Und zurück bleibt die bange Frage, warum sich Kraftfahrer als Opfer einer angeblichen Abzockmentalität des Staates offensichtlich alles erlauben dürfen, aber bei Verstößen auf dem Zweirad sofort von Rowdys, Rüpeln, Kampfradlern und Rüpeleien geschrieben wird. Mutig, zu diesem Vokabular zu greifen, wenn nicht einmal elementare Verkehrsregeln korrekt wiedergegeben werden können, also mutmaßlich die Qualifikation fehlt, angebliche Rüpeleien der Radfahrer in ein empörtes „Das muss doch verboten sein!“ und tatsächliche Verstöße sortieren zu können. Aber gleichzeitig wird immer wieder gerne verbal gegen Radfahrer geschossen, die im Straßenverkehr ihre Rechte wahrnehmen und etwa auf der Fahrbahn präsent sind.

Und das alles bekommen wir für unsere Gebühren

Es ist immer ganz witzig, wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft aufläuft und mehrere Millionen verkannte Bundestrainer vor den Fernsehgeräten genau wissen, wie man unsere Elf zum Sieg führen könnte. Oder wenn am Stammtisch über die Lösung der Finanzkrise diskutiert wird, obschon keiner der Bierglashalter etwas von der Europäischen Zentralbank gehört hat. Oder, noch viel schlimmer, wenn über den Klimawandel sinniert wird und ganz furchtbar abstruse Theorien entstehen, die darin enden, dass es ja keinen Klimawandel geben könne, weil vor ein paar Wochen drei Zentimeter Schnee auf der Garagenauffahrt lagen.

Insofern ist es natürlich auch fraglich, ob ein Student der Medieninformatik fernab seines Fachgebietes über Radverkehrspolitik bloggen sollte. Ehrlich gesagt traue ich mir allerdings etwas Fachwissen zu und wenigstens kann ich die Straßenverkehrs-Ordnung beinahe auswendig rezitieren. Personen, die sich zu diesem Thema zurückhalten sollten, wären beispielsweise jegliche Verkehrsteilnehmer, die sich über das Thema noch niemals Gedanken gemacht haben und stattdessen den bereits hinlänglich bekannten Stammtischweisheiten hinterhertrauern.

Leider lässt die rbb-Abendschau ausgerechnet jene ihre Meinung über Berlin als Fahrradstadt kundtun: Pro und Contra Fahrradhauptstadt

Mit dem bevorstehenden Frühling nutzen wieder mehr Berliner ihr Fahrrad. Die stetig wachsende Radler-Gemeinde fordert noch mehr Unterstützung und vor allem mehr Radwege in der Hauptstadt. Doch diese Initiative findet auch Kritiker.

Das geht auch schon ganz verquer mit der Anmoderation los, die eine beeindruckende Zahl von 500.000 Berliner Radfahrern pro Tag nennt, die sich ganz offenkundig 700 Kilometer Radwege teilen müssen. Hinter dem Thema „Pro und Contra Fahrradhauptstadt“ verstecken sich hingegen keine tiefergehenden Überlegungen über das Fahrrad als Verkehrsmittel und Alternative zum Kraftfahrzeug, sondern lediglich ein dreiminütiger Beitrag, der im rasenden Tempo kreuz und quer alle niederen Empfindungen der Kraftfahrer bedient. Interessanterweise vermag noch nicht einmal der Pro-Fahrradstadt-Beitrag zu überzeugen, obschon er gut die Hälfte der Sendezeit belegte. Schuld daran ist die bereits genannte Konzeptlosigkeit, denen jegliche positive Argumentationen zum Opfer gefallen sind.

Okay, wir setzen lieber einen Sturzhelm auf, denn schon bei den letzten Worten der Anmoderation gerät der radfahrende Zuschauer ins Straucheln: Soll es nun um „Pro und Contra Fahrradstadt“ gehen? Oder um „Pro und Contra Radverkehrsförderung“? Oder um „Pro und Contra Fahrradweg“? Oder doch letztlich um „Pro und Contra Fahrradfahrer“? Die Moderation vermag das Thema nicht so richtig zu klären, denn sie fragt, ob für Radfahrer mehr getan werden müsste — oder ob schon viel zu viel getan wurde.

Letztere Frage stößt dem Alltagsradler natürlich sauer auf, wie kann den schon zu viel für Radfahrer getan worden sein? Dabei ist die Fragestellung durchaus berechtigt, mancherorts wurde beispielsweise subjektiv gesehen zu viel für den Kraftverkehr getan, als nach dem Krieg autobahnähnliche Trassen quer und ohne Rücksicht auf die Stadt als Lebensraum durch die im Aufbau begriffenen Städte geschlagen wurden. Teilweise stand nicht einmal zwei Jahrzehnte später die nächste Generation der Stadtplaner fassungslos am Straßenrand und fragte sich, warum um alles in der Welt die Chance auf eine lebenswerte Stadt gegen eine autogerechte, aber vernabte Betonlandschaft eingetauscht wurde. Und noch nicht einmal fünfzig Jahre später zeigt man sich ehrlich bemüht, wenigstens die größten Sünden der Automobilnation unter Schutzstreifen und Fahrradstaßen zu kaschieren.

Ja, es besteht durchaus die Möglichkeit, es mit den Maßnahmen zur Radverkehrsförderung zu übertreiben, wenngleich sich davor momentan wohl noch niemand fürchten braucht. Das liegt nicht nur an den Verwaltungen, die sich mit dem unbekannten Fahrrad als Verkehrsmittel nur schwer anfreunden können als auch die Tatsache, dass, wenn denn Planungen stattfinden, in der Regel mit mehr Weitblick geplant wird als zu Zeiten des Wirtschaftswunders, als es bloß galt, mit möglichst breiten Straßen und möglichst vielen Parkplätzen möglichst viele Kraftfahrzeuge in möglichst kurzer Zeit von A nach B zu drücken, was, wie man ja heute weiß, verkehrstechnisch überhaupt nicht so richtig funktionieren konnte. Hingegen kann natürlich argumentiert werden, Maßnahmen wie Schutzstreifen, die sich in einigen Städten wie ein Organismus quer durch die Stadtteile verbreiten, seien „zu viel“ für den Radverkehr, gerade wenn sie in mangelhaften Breiten und zu dicht an parkenden Kraftfahrzeugen geführt werden, woran solche Streifen nunmal in der Regel kranken.

Die letzten vier Absätze enthalten ganz schön viele Überlegungen angesichts der Tatsache, dass der eigentliche Beitrag noch gar nicht begonnen hat — ein sicheres Zeichen dafür, dass allein schon an der Formulierung „zu viel für den Radverkehr tun“ stundenlang und durchaus auch mit Berechtigung diskutiert werden könnte, was aber in der Abendschau natürlich gar nicht stattfindet.

Christian Titze beginnt als Fürsprecher der Fahrradstadt und schießt sich binnen Sekunden darauf ein, wie gefährlich das Radfahren doch sei, gerade in Ermangelung von Radwegen. Dazu gibt‘s ein paar Szenen aus dem Berliner Verkehrsalltag, die angesichts des vielen Blechs zwar bedrohlich aussehen, mitunter so schlimm aber gar nicht schienen, wenn nicht der Kommentator dem Zuschauer seine Meinung souffliert hätte. Christian Meier, der seit ein paar Jahren als Fahrradkurier, pardon, als Messenger unterwegs ist, fordert weitere Schutzstreifen. Als Gegenbeispiel werden die so genannten Hochbordradwege angeführt, die gerne mit Hindernissen zugestellt oder von Fußgängern zum Flanieren missbraucht werden.

Der ADFC fordert gleich noch mal Schutzstreifen, weil die bisherige Infrastruktur nicht ausreiche. Die mangelhaften Radverkehrsanlagen werden sicherlich ganz zu Recht kritisiert, aber warum gilt nun plötzlich der Schutzstreifen als Lösung sämtlicher Probleme? Immerhin besteht durchaus die Möglichkeit, dass der Schutzstreifen aufgrund der mangelhaften Ausführung in ein paar Jahren das ist, was die Hochbordradwege in den letzten Jahrzehnten geworden sind: Eine Infrastruktur für Radfahrer, die Sicherheit suggeriert und auf dem Papier auch Sicherheit bieten könnte, aufgrund der eklatanten Unterschreitung sämtlicher Sicherheitsabstände und der Ignoranz jeglicher Vorschriften im Zusammenspiel mit einigen Kraftfahrern die Unfallwahrscheinlichkeit ganz drastisch erhöht.

Immerhin ist langsam klar geworden, in welche Richtung hier denn mit Pro und Contra argumentiert werden soll: Wenigstens im Pro-Fahrradhauptstadt-Teil geht es nicht um Hochbordradwege, nicht um Kampfradler, sondern um weitere Schutzstreifen für Radfahrer. Na gut, das hätte man auch einfacher haben können. Das Resume lautet erwartungsgemäß, dass für die hunderttausenden Radfahrer mehr und sichererer Platz möglich sein sollte.

Agnes Taegener beginnt ihre Argumentation gegen eine Fahrradhauptstadt passenderweise mit den Worten: „Damit die noch gemütlicher fahren können?“ Sofort fragt sich der Zuschauer, ob dieser Zusammenhang nun Absicht oder ein Versehen ist, gerade weil zeitgleich zwei Radfahrerinnen auf einem einigermaßen breiten Schutzstreifen eingeblendet werden. Was der erste Beitrag an Niveau und argumentativer Sicherheit noch einigermaßen einhalten konnte, macht der zweite Teil mit einer geradezu herabwürdigenden Sichtweise auf den Radfahrer wieder zunichte. Taegener hat kaum sechs Wörter in ihren Beitrag gesprochen und schon ausgedrückt, dass sie das Fahrrad nicht als Verkehrsmittel begreift, sondern lediglich als störendes Verkehrshindernis, dass sich in den Städten ausbreitet. Man stelle sich vor, wie sehr die Rassismus-Keule in der rbb-Redaktion gewütet und wer alles seinen Job verloren hätte, ginge es hier nicht um Fahrradfahrer, sondern um mit ähnlichen Worten kommentierte Einwanderungspolitik.

Taegener stellt ihre Unwissenheit über die Verkehrsregeln auch gleich noch weiter zur Schau, als sie kommentiert: „Völlig daneben ist das Fahren auf der Straße, wenn es da auch noch sowas wie einen Fahrradweg gibt“. Das dazu eingeblendete Beispiel ist natürlich nicht benutzungspflichtig und zu allem Überfluss auch noch exakt jene Stelle, an der dreißig Sekunden zuvor die plötzlich auf den Radweg tretenden Fußgänger reklamiert wurden. Das mit den Verkehrsregeln ist peinlich, den selben Radweg zur Argumentation zu verwenden durchaus legitim: Der Radfahrer sieht den Radweg womöglich als niemals versiegenden Quell eines steten Fußgängerstromes, der plötzlich vom Trottoir auf den Radweg wechselt, der Kraftfahrer sieht in selben Streifen durch die Windschutzscheibe bloß einen bestens ausgebauten und breiten Radweg, den es doch bitteschön zu benutzen gäbe, schließlich halten sich Radfahrer eh nie an die Verkehrsregeln und zahlen gar keine Steuern!

Nun kommt natürlich kein Beitrag dieses Schlages ohne den empörten Kraftfahrer aus, der durch die heruntergekurbelte Scheibe befragt wird. „Weil die überhaupt nicht aufpassen und glauben, dass sie die Helden der Straße sind“, sagt der erste und merkt vermutlich gar nicht, dass seine Beschreibung genauso gut auf einen wesentlichen Teil der Kraftfahrer passt. Die nächste Wortmeldung ist allerdings mal wieder der Knaller: „Die sind doch schon sehr dreist, ich finde, die sind ein schwächeres Glied in dem Verkehr, aber die nehmen sich so einiges raus.“ Es wird nun nicht so ganz klar, was sich die Radfahrer nun rausnehmen, ob es nun um die üblichen roten Ampeln geht oder um das zuvor besprochene Fahrbahnradeln trotz des bestens ausgebauten und breiten Radweges, aber gemeint war sicherlich, dass Radfahrer nicht dem Kraftverkehr im Wege sein sollten und vor allem an den üblichen Konfliktpunkten, beispielsweise an Kreuzungen unbedingt bremsen sollten, um den unaufmerksamen Kraftfahrern das ungestörte und schulterblicklose Rechtsabbiegen zu ermöglichen. Okay, fairerweise muss man anerkennen, dass sie letzteres nicht gesagt hat, aber alle Argumentationen mit dem Radfahrer als schwaches Glied enden früher oder später unter dem abbiegenden Lastkraftwagen. Es ist schon ein Rätsel, wie es ein solch inhaltsleerer Kommentar in den fertigen Beitrag schaffen konnte.

So, einer hat noch was zu sagen: „Die fahren dann bei rot, wenn am rotesten ist.“ Das alles hätte auch weiter ausgeführt werden können, sogar über die Rotlichtverstöße ließe sich lange und trefflich diskutieren, stattdessen beließ man es bei plakativen Sprüchen.

Der viele unverhoffte Platz für Radfahrer stelle vor allem Taxifahrer vor Probleme. Komisch, Lastkraftwagen, Lieferanten und normale Kraftfahrer kommen demnach bestens mit der neuen Situation zurecht? Uwe Gawehn von der örtlichen Taxi-Innung hält gar nichts von Fahrradwegen auf der Fahrbahn, dadurch werde das Unfallrisiko erhöht, solche Fahrradwege führten zu Stress, sie erhöhten den Straßenverkehr und das Stauaufkommen.

Das meiste stellt sich nach einem Blick in die einschlägigen Studien als Unfug heraus. Das Unfallrisiko ist, auch wenn Schutzstreifen keineswegs die beste Lösung darstellen, auf Hochbordradwegen abseits der Fahrbahn deutlich erhöht. Der Stresspegel steigt bei den traditionellen Radwegen ohnehin auf beiden Seiten, weil die einen schauen müssen, den anderen nicht beim Abbiegen zu überfahren und die anderen schauen müssen, nicht plötzlich überfahren zu werden. Die Sache mit dem erhöhten Straßenverkehr ist natürlich auch ganz plausibel, denn genau wie breite Straßen noch mehr Kraftverkehr generieren, werden bessere Radverkehrsanlagen auf Dauer auch mehr Radverkehr verursachen — das war aber sicherlich nicht gemeint, Gawehn sorgt sich eher um den verbleibenden Platz auf der Fahrbahn, der, je nachdem, welcher Studie man nun glaubt, tatsächlich für Kraftfahrer problematisch sein könnte. Es gäbe also durchaus Diskussionsbedarf für dieses Thema… aber: Wer hat denn schon Zeit? Und vor allem: Wer hat Lust, sich damit zu befassen, wenn die Redaktion auch mit solch seichten, aber leicht kommunizierbaren Argumenten zufrieden ist?

Über die Hälfte der Unfälle von Radfahrer werde von den Radfahrern selbst verursacht, rechnet Taegener vor, gibt aber leider nicht an, in welcher Spalte sie diesen Wert gefunden hat. Gemeinhin lässt sich überschlage, dass etwas weniger als die Hälfte der Unfälle zwischen Rad- und Kraftfahrern von den unmotorisierten Verkehrsteilnehmern verursacht wird, was aber umgekehrt auch bedeutet, dass Kraftfahrer in mehr als der Hälfte aller Unfälle als Unfallverursacher geführt werden. Außen vor blieben offensichtlich die vielen Alleinunfälle, die, das ist ja nunmal der Witz an einem Alleinunfall, vom Verunfallten persönlich verursacht wurden, wobei dort meistens auch noch weitere Einflüsse ursächlich sind — beispielsweise schlechte Radverkehrsanlagen, die mehr einer Buckelpiste als einem Straßenteil gleichen.

Schon fast zynisch klingt es da, wenn Taegener resümiert, mehr Sicherheit im Radverkehr gäbe es vor allem durch sicheres Fahren, aber mutmaßlich meint, Radfahrer sollten gefälligst von der Fahrbahn fernbleiben, an Kreuzungen selbst aufpassen, nicht überfahren zu werden und ihre Geschwindigkeit soweit verringern, dass auch der schlechteste Radweg noch befahren werden kann.

Hatte das eigentlich noch etwas mit dem Thema zu tun? Im Endeffekt ging es offensichtlich darum, ob es noch mehr Schutzstreifen geben solle oder nicht. Das ist, wie oben erwähnt, durchaus ein vollkommen legitimes Thema für eine Diskussion, denn obwohl der Schutzstreifen durchaus zum Zwecke der Radverkehrsförderung taugt, ist er leider mit einer ganzen Reihe von Nebenwirkungen gestraft, deren Ausführung schon einen mehrstündigen Fernsehbeitrag rechtfertigen könnte. Natürlich lässt sich zu diesem Thema auch eine Befragung der Verkehrsteilnehmer senden, aber so richtig ergiebig wird das nie, dürfte doch den allermeisten jegliches Hintergrundwissen, geschweigedenn eine Kenntnis von § 2 Abs. 4 StVO fehlen, sofern sie nicht ihren Vorstellungen des Kampfradlers verhaftet sind, der sich bei roter Ampel in den fließenden Querverkehr stürzt.

Vielleicht ist das auch eine Besonderheit im Berlin-Brandenburger Rundfunk: Argumentationen werden hier sinnlos an die Mattscheibe geprügelt, die angekündigte Diskussion findet — zum Glück? — überhaupt nicht statt. Für eine Diskussion wäre es für beide Parteien notwendig, sich auf die Thematik einzulassen, sich mit der Materie zu beschäftigen und anschließend wohldurchdachte Argumentationsstränge auszuführen, gerne gewürzt mit ein paar markigen Sprüchen. Diese Unart, sich vollkommen stumpf an den Kampfradler-Zug anzuhängen und mal zu gucken, wen man mit der Argumentation denn am besten treffen kann, sollte endlich beendet werden.

Immerhin fiel nicht der Begriff des Kampfradlers. Dafür zahlt man doch gerne die neue Rundfunkgebühr.

Hartaberfair und die widerliche Doppelmoral

50 Minuten dauerte es, bis endlich das Thema Fahrradfahren diskutiert wurde und ja, wie es sich für eine lockere Talkrunde im Abendprogramm gehört, wurde zur Einstimmung der Kampfradler serviert. Ein kleines Einspielfilmchen präsentiert den Radfahrer als Anarchisten, der gegen Einbahnstraßen, auf dem Gehweg und über rote Ampeln fährt. Prinzipiell galt spätestens hier, was schon die vorigen 50 Minuten lang galt: Anschauen braucht man sich den Stuss nicht.

Drei weitere Minuten dauerte es bis zum Begriff des Kampfradlers.

Manuel Andrack, mittlerweile aus Harald Schmidts Schatten erwachsen und sogar mit einer Fahrerlaubnis ausgestattet, fährt „natürlich“ bei ganz gefährlichen Straßen ohne Radweg auf dem Gehweg, Einbahnstraßen, tja, das mit den freigegebenen Einbahnstraßen, das kapiert ja eh kein Mensch und dass auch gegenüber einem Radfahrer die bewährte Rechts-vor-links-Regelung gilt, schade, dass lernte der Führerscheinneuling auch erst in der Fahrschule. Andrack fiel in dieser Runde der Ahnungslosen gar nicht weiter auf, aber karikierte immerhin ganz prima das Bild des durchschnittlichen Verkehrsteilnehmers, der von den Regeln nur bedingt Ahnung hat, aber wenigstens noch darüber lachen kann.

Es war schon ziemlich traurig, was die ARD am Montagabend im Programm bot: Blitzer, Steuern, City-Maut – freie Fahrt nur für reiche Bürger?

Ein Tempolimit will die Politik Deutschlands Autofahrern nicht zumuten und hält sie so bei Laune. Gleichzeitig wird abkassiert wie nie zuvor: Mit Kfz- und Spritsteuern, teureren Knöllchen und bald auch mit Mautgebühren? Wie lange macht Autofahren so noch Spaß? Und sind die vielen Auflagen für Autos nur blinde Regelungswut – oder am Ende nötig, weil wir sonst im Verkehr ersticken?
hartaberfair diskutiert die Lust und den Frust am Auto – direkt nach dem Markencheck ADAC!

Immerhin: Es ging nicht primär um Radfahrer. Ganz im Gegenteil, die lustige Talkrunde dümpelte eine ganze Weile lang herum, schrammte am Tempolimit vorbei und tat sich auch ansonsten nicht mit besonderen intellektuellen Glanzleistungen hervor. Die Berliner Autohausbesitzerin Heidi Hetzer als Vertreterin der „Freie Fahrt für freie Bürger“-Fraktion durfte ihre Ängste über Radfahrer darlegen und erhält viel Applaus für ihre Ansage gegenüber unbeleuchteten und dunkel gekleideten Radfahrern — dass fehlendes Licht, so ärgerlich es durch die Windschutzscheibe auch sein mag, sicherlich ärgerlich ist, aber weder zu den Hauptunfallursachen zählt noch den Kraftfahrer vom Sichtfahrgebot entbindet, das war wohl zu viel Detailwissen in einer solchen Sendung.

Hetzers nächste Argumentation geht im Beifall unter, richtet sich aber an die Radfahrer, die von rechts kommend Hetzer beim Ausfahren aus ihrem Grundstück stören. Mutmaßlich haben die Radfahrer in dieser Fahrtrichtung dort nichts verloren, aber trotzdem Vorfahrt, und auch wenn sich die Dame mit der etwas peinlichen autoförmigen Handtasche bitterlich beklagt, trägt sie nunmal die Hauptschuld an so einem Unfall, die sie auch bekäme, nähme sie einem just in diesem Moment auf der Fahrbahn überholenden, also auf der linken Fahrspur fahrenden Fahrzeug die Vorfahrt. Bei einer solchen relativ eindeutigen Situation hilft auch der erboste Hinweis auf die fehlenden Kennzeichen nichts; ja, man weiß sofort, wohin die argumentative Reise geht. Gezeichnet wird wieder das Bild des rücksichtslosen Radfahrers, gegen den etwas getan werden muss, ohne dass jemand auf die Idee käme, bei Falschparkern, Rotlichtverstößen oder Geschwindigkeitsübertretungen gleich mit dem Kennzeichen zur Polizei zu laufen, aber wenn Radfahrer gegen die Regeln verstoßen, was hier keinesfalls gutgeheißen werden soll, dann klingeln sämtliche Alarmglocken.

Hetzers Probleme mit der Straßenverkehrs-Ordnung werden immer größer, mit dramatischer Stimme erklärt sie die Aufhebung der Radwegbenutzungspflicht am Berliner Kaiserdamm und echauffiert sich über die Radfahrer, die sich alles erlauben könnten und sich an keine Regeln halten und darum auf der Fahrbahn radeln. Man weiß gar nicht, wie wenig man von der Radwegbenutzungspflicht verstehen kann, denn wenn die Schilder an dieser Berliner Prachtstraße abgeschraubt worden sind, gab es offenkundig ja berechtigte Bedenken gegen die Nutzung des Radweges, mitnichten verstoßen Radfahrer gegen irgendeine Regel, wenn sie in Ermangelung blauer Schilder auf die Fahrbahn wechseln, sie sind noch nicht einmal moralisch angreifbar, denn Hetzer muss nun wenigstens nicht mehr fürchten, beim Ausfahren aus einem Grundstück oder beim Abbiegen einen Radfahrer umzubügeln. Freuen Sie sich doch mal, Frau Hetzer! Recht entrüstet musste Hetzer feststellen, dass ihr niemand mehr zuhörte, vermutlich waren die meisten bei der seltsamen Argumentation über Radwegbenutzungspflichten ausgestiegen.

Ein Problem dieser Sendung war sicherlich, dass jeder seine Meinung sagen musste, auch wenn er eigentlich keine Ahnung hatte. Das schlimmste an dieser Stelle: Von den angesetzten 75 Minuten waren noch immer knapp 20 übrig.

Es spricht nun Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer über die Sicherheit im Radverkehr und es steht die Befürchtung im Raume, dass das Niveau nicht gerade steigen wird. Radfahrer müssten sich endlich regelkonform verhalten, fordert er, man möchte schon fragen: „So regelkonform wie Kraftfahrer?“ Hetzers Ausführungen bezeichnet er als traurige Entwicklung, als Bundesverkehrsminister hat er also weder einen Schimmer von den Verkehrsregeln noch wenigstens die Sache mit den Benutzungspflichten verstanden, man müsse die moralische Überlegenheit der Radfahrer endlich in den Griff bekommen und weil er diesen Begriff mit der Unfallstatistik vermengt, impliziert er, das einzige Sicherheitsproblem der Radfahrer wäre deren Verhalten. Kein Wort zu mangelhaften und gefährlichen Radverkehrsanlagen, den üblichen Kram mit den toten Winkeln an Kreuzungen, keine Erwähnung des unzureichenden Verkehrsunterrichtes an Schulen — immerhin kommen weder Warnwesten noch Fahrradhelme zu Wort.

Und jetzt wird es schön, zu schön beinahe, aber auch nur ganz kurz, denn während Ramsauer beinahe mit den Fäusten auf den Tisch hauen möchte, weil Verkehrsregeln nunmal auch für Radfahrer gelten, fragt Plasberg ihn nach der Bedeutung von Zusatzzeichen 1000-32, also dem Fahrrad mit den beiden Pfeilen nach links und rechts, das fälschlicherweise gerne unter Stop- und Vorfahrt-achten-Schildern abgebracht wird, eigentlich aber nach oben gehört und ein Hinweis auf die Vorfahrt kreuzender Radfahrer ist, die hier ganz legitim, Vorsicht, Frau Hetzer, auch von rechts radeln dürfen. Ramsauer greift verlegen zum Wasserglas, hat keine Ahnung, immerhin weiß Andrack Bescheid, zwei andere machen blöde Bemerkungen und zeigen deutlich, dass die mangelnde Regelkenntnis, die ein paar Sekunden zuvor noch einstimmig bei Radfahrer beklagt wurde, bei Kraftfahrern ein gesellschaftlich akzeptiertes Problem ist. RTL-Formel-1-Mann Kai Ebel rätselt an einem Überholverbot für Lastkraftwagen, Kraftomnibusse und Personenkraftwagen mit Anhängern herum und meint, das Überholverbot gelte ausgerechnet für die gezeigten drei Fahrzeuggruppen nicht, merkt aber noch nicht einmal, dass seine Interpretation vollkommener Schwachsinn ist, merkt es dann doch und verschlimmbessert sich, man dürfe keine Personenkraftwagen überholen, sondern nur Lastkraftwagen, Kraftomnibusse und Personenkraftwagen mit Anhängern. Es wird nicht gerade besser, Hetzer weiß auch nichts, „sehr kompliziert“, nicht einmal Ramsauer kann eine relativ einfache Überholverbotsbeschilderung interpretieren.

Alle lachen, alle applaudieren begeistert, entgeistert staunen bloß die regelkundigen Radfahrer über die verlogenen fünf Minuten, die da gerade über die Mattscheibe flimmerten. Man mault und hetzt und propagiert unablässig gegen Radfahrer, die nicht auf dem Radweg und gegen Einbahnstraßen fahren, die sich nicht an die Regeln hielten, obschon nicht ein einziger von Plasbergs Gesprächspartnern die Regeln aufsagen kann und noch nicht einmal ein simples Überholverbot erklären kann? Das ist doch vollkommen bescheuert, brüllt man dem Fernseher entgegen, die Fäuste schon fast geballt wie Ramsauer einige Momente zuvor, als seine Argumentation noch gut ankam im Publikum und beim potenziellen Wähler, das ist doch alles vollkommen bescheuert und verrückt und überhaupt!

Wenn sich Hetzer über Radfahrer in Einbahnstraßen und neben Radwegen beklagt, erntet sie lauten Applaus, alle nickend anerkennend, ja, diese Radfahrer, die sind eben ein Problem, wer kennt es nicht? Alles Rowdys, Gesetzlose, Outlaws, die halten sich eh nicht an die Verkehrsregeln! Alle sind empört, betroffen und sich einig, Radfahrer wären ein großes Problem im deutschen Straßenverkehr. Aber wenn es um die eigene Regelkenntnis geht, um beim Beispiel zu bleiben, wenn es darum geht, wann denn ein Radfahrer gegen eine Einbahnstraße fahren darf, nicht auf einem Radweg fahren, wann er auf der linken Straßenseite radeln muss und Vorfahrt hat, dann weiß niemand genau Bescheid, alle drucksen etwas verlegen herum, bemühen sich um ablenkende Witzchen, das Publikum johlt vor Lachen, denn alle sind sich einig: Das ist doch nicht so schlimm!

Das ist eine widerliche Logik: Die mangelhafte Umsetzung der Straßenverkehrs-Ordnung seitens der Radfahrer wird dramatisiert, aber bei den Kraftfahrern klopft man sich lachend auf die Schulter, war ja alles nicht so schlimm! Die mangelhafte Umsetzung der Straßenverkehrs-Ordnung seitens der Kraftfahrer ist eben gesellschaftlich anerkannt, dort kommen die berühmten zweierlei Maß zum Einsatz, da wird drüber gelacht, wohlwissend, dass man selbst am Steuerrad auch nicht die ganz große Leuchte ist und es vermutlich auch nicht besser gewusst hätte.

Andrack interpretiert eine Parkverbotszone mit drei Zusatzschildern richtig, Hetzer staunt, Ramsauer sagt lieber nichts und die übrigen Gäste sowieso nicht, aber Andrack tritt noch mal nach und will das Thema Nachschulung im Alter auf die Tagesordnung setzen, weil’s auf der linken Seite bei Hetzer und Ramsauer ja nicht so ganz gut klappt mit den Verkehrsregeln. Schon wieder großes Gelächter und Applaus, während Andrack aber eigentlich gar keinen Witz machen wollte und tatsächlich etwas erstaunt war über die mangelhafte Regelkenntnis des Bundesverkehrsministers. Hetzer will lieber etwas gegen den Schilderwald unternehmen, diese „Vorfahrt für Radfahrer“ und Überholverbote und Parkverbotszonen, letztere freilich nicht immer gemäß der Straßenverkehrs-Ordnung ausgezeichnet, die gehen eben gar nicht. Ob jemand der alten Dame gesteckt hat, mit welchen abstrusen Regelungen sich Radfahrer täglich herumschlagen müssen? Man darf vermuten, dass Hetzer, stiege sie aus ihrem Opel auf ein Fahrrad, geradewegs jenes Verhalten auf der Straße zeigte, dass sie in den letzten zehn Minuten bitterlich beklagt hatte.

Insofern: Ein Glück, dass Plasberg zum nächsten Thema weiterleitet — und dass Radfahren wenigstens nicht das Hauptthema der Sendung war.

Was wir daraus lernen? Vor allem nichts. Oder allenfalls: Das Fahrrad ist noch lange kein anerkanntes Verkehrsmittel in Deutschland, solange hier diese widerliche Doppelmoral gilt. Begeht ein Radfahrer eine Ordnungswidrigkeit, wird sofort nach Fahrradkennzeichen gerufen, Kraftfahrer dürfen sich aber unbehelligt jeglicher Verkehrsregeln im Verkehr bewegen und sich vor lachen auf die Oberschenkel schlagen.

Man will glatt auswandern nach Amsterdam oder Kopenhagen.

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Bei dem Interview mit den beiden Kampfradlern wird leider das Thema mit den benutzungspflichtigen Radwegen falsch wiedergegeben — man weiß leider nicht, ob die feine Differenzierung bezüglich benutzungspflichtiger Radwege erst bei der Verschriftlichung des Interviews entfallen ist oder ob den beiden Kampfradlern die Straßenverkehrs-Ordnung dahingehend unbekannt ist, auf jeden Fall sorgen leider solche Kleinigkeiten bei der nächsten Konfrontation auf der Straße womöglich wieder für Missverständnisse.

In den momentan 302 Kommentaren sind die Missverständnisse auf jeden Fall schon einmal angekommen: dort finden sich die üblichen, nicht lesenswerten Weisheiten aus der Fahrgastzelle.

„Kampfradler: für mich ist das etwas Neues“

Holger Dambeck schreibt bei SPIEGEL ONLINE über Das Rätsel des radelnden Holländers:

Was können die Deutschen von den Niederländern lernen? Vor allem einen entspannten Umgang mit dem Fahrrad. Trotzdem rätseln Verkehrsexperten, warum in Amsterdam, Utrecht und Eindhoven vieles so anders ist als in Deutschland.

Der wesentliche Unterschied: während in der Automobilnation Deutschland immer wieder der Krieg zwischen Kraft- und Radverkehr skizziert wird und das Fahrrad nach Meinung der meisten Verkehrsteilnehmer ohnehin bloß zur Fahrt zum Baggersee taugt, sind Zweiräder in den Niederlanden gesellschaftlich akzeptiert. Daraus folgt auch die Bereitschaft zur Finanzierung der entsprechenden Infrastruktur, während hierzulande Radfahrer einerseits nicht auf der Fahrbahn fahren, andererseits aber bitteschön mit einem handtuchbreiten Radweg zufrieden sein sollen.

BILD: Härtere Strafen für Kampfradler, aber nicht für Kampfkraftfahrer

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Hamburgs Innensenator Michael Neumann (42, SPD) geht den Rad-Rambos an den Geldbeutel – und zwar bundesweit!

Das vermutlich beste an der ganzen Sache: die Gefährdung von Radfahrern beim Abbiegen oder öffnen von Fahrzeugtüren wird nunmehr doppelt so hoch besteuert — beide Fälle, die mithin ganz oben in der Unfallstatistik klemmen, kosten künftig zwanzig statt zehn Euro. Schade, dass sich die Meinung bei der Bestrafung von Verkehrsteilnehmern stets gegen Radfahrer wendet, obschon längst nicht nur das Fehlverhalten der Radfahrer für Unfälle ursächlich ist.

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