Schlagwort-Archiv: Krieg auf der Straße

„Sind das alles Rowdies?“

Weil es gerade so schön zum Thema passt — Andrea Reidl schreibt im Velophil-Blog der ZEIT über Radfahrer, die ewigen Regelbrecher?

Radfahrer werden sie von Politikern und anderen Verkehrsteilnehmern gerne als notorische Regelbrecher dargestellt. Dabei nutzen die meisten Radfahrer auch das Auto oder öffentliche Verkehrsmittel oder sie sind als Fußgänger unterwegs. Aber was macht Radfahrer zu vermeintlichen Störenfrieden auf der Straße, und welchen Anteil haben die übrigen Verkehrsteilnehmer?

Und das alles bekommen wir für unsere Gebühren

Es ist immer ganz witzig, wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft aufläuft und mehrere Millionen verkannte Bundestrainer vor den Fernsehgeräten genau wissen, wie man unsere Elf zum Sieg führen könnte. Oder wenn am Stammtisch über die Lösung der Finanzkrise diskutiert wird, obschon keiner der Bierglashalter etwas von der Europäischen Zentralbank gehört hat. Oder, noch viel schlimmer, wenn über den Klimawandel sinniert wird und ganz furchtbar abstruse Theorien entstehen, die darin enden, dass es ja keinen Klimawandel geben könne, weil vor ein paar Wochen drei Zentimeter Schnee auf der Garagenauffahrt lagen.

Insofern ist es natürlich auch fraglich, ob ein Student der Medieninformatik fernab seines Fachgebietes über Radverkehrspolitik bloggen sollte. Ehrlich gesagt traue ich mir allerdings etwas Fachwissen zu und wenigstens kann ich die Straßenverkehrs-Ordnung beinahe auswendig rezitieren. Personen, die sich zu diesem Thema zurückhalten sollten, wären beispielsweise jegliche Verkehrsteilnehmer, die sich über das Thema noch niemals Gedanken gemacht haben und stattdessen den bereits hinlänglich bekannten Stammtischweisheiten hinterhertrauern.

Leider lässt die rbb-Abendschau ausgerechnet jene ihre Meinung über Berlin als Fahrradstadt kundtun: Pro und Contra Fahrradhauptstadt

Mit dem bevorstehenden Frühling nutzen wieder mehr Berliner ihr Fahrrad. Die stetig wachsende Radler-Gemeinde fordert noch mehr Unterstützung und vor allem mehr Radwege in der Hauptstadt. Doch diese Initiative findet auch Kritiker.

Das geht auch schon ganz verquer mit der Anmoderation los, die eine beeindruckende Zahl von 500.000 Berliner Radfahrern pro Tag nennt, die sich ganz offenkundig 700 Kilometer Radwege teilen müssen. Hinter dem Thema „Pro und Contra Fahrradhauptstadt“ verstecken sich hingegen keine tiefergehenden Überlegungen über das Fahrrad als Verkehrsmittel und Alternative zum Kraftfahrzeug, sondern lediglich ein dreiminütiger Beitrag, der im rasenden Tempo kreuz und quer alle niederen Empfindungen der Kraftfahrer bedient. Interessanterweise vermag noch nicht einmal der Pro-Fahrradstadt-Beitrag zu überzeugen, obschon er gut die Hälfte der Sendezeit belegte. Schuld daran ist die bereits genannte Konzeptlosigkeit, denen jegliche positive Argumentationen zum Opfer gefallen sind.

Okay, wir setzen lieber einen Sturzhelm auf, denn schon bei den letzten Worten der Anmoderation gerät der radfahrende Zuschauer ins Straucheln: Soll es nun um „Pro und Contra Fahrradstadt“ gehen? Oder um „Pro und Contra Radverkehrsförderung“? Oder um „Pro und Contra Fahrradweg“? Oder doch letztlich um „Pro und Contra Fahrradfahrer“? Die Moderation vermag das Thema nicht so richtig zu klären, denn sie fragt, ob für Radfahrer mehr getan werden müsste — oder ob schon viel zu viel getan wurde.

Letztere Frage stößt dem Alltagsradler natürlich sauer auf, wie kann den schon zu viel für Radfahrer getan worden sein? Dabei ist die Fragestellung durchaus berechtigt, mancherorts wurde beispielsweise subjektiv gesehen zu viel für den Kraftverkehr getan, als nach dem Krieg autobahnähnliche Trassen quer und ohne Rücksicht auf die Stadt als Lebensraum durch die im Aufbau begriffenen Städte geschlagen wurden. Teilweise stand nicht einmal zwei Jahrzehnte später die nächste Generation der Stadtplaner fassungslos am Straßenrand und fragte sich, warum um alles in der Welt die Chance auf eine lebenswerte Stadt gegen eine autogerechte, aber vernabte Betonlandschaft eingetauscht wurde. Und noch nicht einmal fünfzig Jahre später zeigt man sich ehrlich bemüht, wenigstens die größten Sünden der Automobilnation unter Schutzstreifen und Fahrradstaßen zu kaschieren.

Ja, es besteht durchaus die Möglichkeit, es mit den Maßnahmen zur Radverkehrsförderung zu übertreiben, wenngleich sich davor momentan wohl noch niemand fürchten braucht. Das liegt nicht nur an den Verwaltungen, die sich mit dem unbekannten Fahrrad als Verkehrsmittel nur schwer anfreunden können als auch die Tatsache, dass, wenn denn Planungen stattfinden, in der Regel mit mehr Weitblick geplant wird als zu Zeiten des Wirtschaftswunders, als es bloß galt, mit möglichst breiten Straßen und möglichst vielen Parkplätzen möglichst viele Kraftfahrzeuge in möglichst kurzer Zeit von A nach B zu drücken, was, wie man ja heute weiß, verkehrstechnisch überhaupt nicht so richtig funktionieren konnte. Hingegen kann natürlich argumentiert werden, Maßnahmen wie Schutzstreifen, die sich in einigen Städten wie ein Organismus quer durch die Stadtteile verbreiten, seien „zu viel“ für den Radverkehr, gerade wenn sie in mangelhaften Breiten und zu dicht an parkenden Kraftfahrzeugen geführt werden, woran solche Streifen nunmal in der Regel kranken.

Die letzten vier Absätze enthalten ganz schön viele Überlegungen angesichts der Tatsache, dass der eigentliche Beitrag noch gar nicht begonnen hat — ein sicheres Zeichen dafür, dass allein schon an der Formulierung „zu viel für den Radverkehr tun“ stundenlang und durchaus auch mit Berechtigung diskutiert werden könnte, was aber in der Abendschau natürlich gar nicht stattfindet.

Christian Titze beginnt als Fürsprecher der Fahrradstadt und schießt sich binnen Sekunden darauf ein, wie gefährlich das Radfahren doch sei, gerade in Ermangelung von Radwegen. Dazu gibt‘s ein paar Szenen aus dem Berliner Verkehrsalltag, die angesichts des vielen Blechs zwar bedrohlich aussehen, mitunter so schlimm aber gar nicht schienen, wenn nicht der Kommentator dem Zuschauer seine Meinung souffliert hätte. Christian Meier, der seit ein paar Jahren als Fahrradkurier, pardon, als Messenger unterwegs ist, fordert weitere Schutzstreifen. Als Gegenbeispiel werden die so genannten Hochbordradwege angeführt, die gerne mit Hindernissen zugestellt oder von Fußgängern zum Flanieren missbraucht werden.

Der ADFC fordert gleich noch mal Schutzstreifen, weil die bisherige Infrastruktur nicht ausreiche. Die mangelhaften Radverkehrsanlagen werden sicherlich ganz zu Recht kritisiert, aber warum gilt nun plötzlich der Schutzstreifen als Lösung sämtlicher Probleme? Immerhin besteht durchaus die Möglichkeit, dass der Schutzstreifen aufgrund der mangelhaften Ausführung in ein paar Jahren das ist, was die Hochbordradwege in den letzten Jahrzehnten geworden sind: Eine Infrastruktur für Radfahrer, die Sicherheit suggeriert und auf dem Papier auch Sicherheit bieten könnte, aufgrund der eklatanten Unterschreitung sämtlicher Sicherheitsabstände und der Ignoranz jeglicher Vorschriften im Zusammenspiel mit einigen Kraftfahrern die Unfallwahrscheinlichkeit ganz drastisch erhöht.

Immerhin ist langsam klar geworden, in welche Richtung hier denn mit Pro und Contra argumentiert werden soll: Wenigstens im Pro-Fahrradhauptstadt-Teil geht es nicht um Hochbordradwege, nicht um Kampfradler, sondern um weitere Schutzstreifen für Radfahrer. Na gut, das hätte man auch einfacher haben können. Das Resume lautet erwartungsgemäß, dass für die hunderttausenden Radfahrer mehr und sichererer Platz möglich sein sollte.

Agnes Taegener beginnt ihre Argumentation gegen eine Fahrradhauptstadt passenderweise mit den Worten: „Damit die noch gemütlicher fahren können?“ Sofort fragt sich der Zuschauer, ob dieser Zusammenhang nun Absicht oder ein Versehen ist, gerade weil zeitgleich zwei Radfahrerinnen auf einem einigermaßen breiten Schutzstreifen eingeblendet werden. Was der erste Beitrag an Niveau und argumentativer Sicherheit noch einigermaßen einhalten konnte, macht der zweite Teil mit einer geradezu herabwürdigenden Sichtweise auf den Radfahrer wieder zunichte. Taegener hat kaum sechs Wörter in ihren Beitrag gesprochen und schon ausgedrückt, dass sie das Fahrrad nicht als Verkehrsmittel begreift, sondern lediglich als störendes Verkehrshindernis, dass sich in den Städten ausbreitet. Man stelle sich vor, wie sehr die Rassismus-Keule in der rbb-Redaktion gewütet und wer alles seinen Job verloren hätte, ginge es hier nicht um Fahrradfahrer, sondern um mit ähnlichen Worten kommentierte Einwanderungspolitik.

Taegener stellt ihre Unwissenheit über die Verkehrsregeln auch gleich noch weiter zur Schau, als sie kommentiert: „Völlig daneben ist das Fahren auf der Straße, wenn es da auch noch sowas wie einen Fahrradweg gibt“. Das dazu eingeblendete Beispiel ist natürlich nicht benutzungspflichtig und zu allem Überfluss auch noch exakt jene Stelle, an der dreißig Sekunden zuvor die plötzlich auf den Radweg tretenden Fußgänger reklamiert wurden. Das mit den Verkehrsregeln ist peinlich, den selben Radweg zur Argumentation zu verwenden durchaus legitim: Der Radfahrer sieht den Radweg womöglich als niemals versiegenden Quell eines steten Fußgängerstromes, der plötzlich vom Trottoir auf den Radweg wechselt, der Kraftfahrer sieht in selben Streifen durch die Windschutzscheibe bloß einen bestens ausgebauten und breiten Radweg, den es doch bitteschön zu benutzen gäbe, schließlich halten sich Radfahrer eh nie an die Verkehrsregeln und zahlen gar keine Steuern!

Nun kommt natürlich kein Beitrag dieses Schlages ohne den empörten Kraftfahrer aus, der durch die heruntergekurbelte Scheibe befragt wird. „Weil die überhaupt nicht aufpassen und glauben, dass sie die Helden der Straße sind“, sagt der erste und merkt vermutlich gar nicht, dass seine Beschreibung genauso gut auf einen wesentlichen Teil der Kraftfahrer passt. Die nächste Wortmeldung ist allerdings mal wieder der Knaller: „Die sind doch schon sehr dreist, ich finde, die sind ein schwächeres Glied in dem Verkehr, aber die nehmen sich so einiges raus.“ Es wird nun nicht so ganz klar, was sich die Radfahrer nun rausnehmen, ob es nun um die üblichen roten Ampeln geht oder um das zuvor besprochene Fahrbahnradeln trotz des bestens ausgebauten und breiten Radweges, aber gemeint war sicherlich, dass Radfahrer nicht dem Kraftverkehr im Wege sein sollten und vor allem an den üblichen Konfliktpunkten, beispielsweise an Kreuzungen unbedingt bremsen sollten, um den unaufmerksamen Kraftfahrern das ungestörte und schulterblicklose Rechtsabbiegen zu ermöglichen. Okay, fairerweise muss man anerkennen, dass sie letzteres nicht gesagt hat, aber alle Argumentationen mit dem Radfahrer als schwaches Glied enden früher oder später unter dem abbiegenden Lastkraftwagen. Es ist schon ein Rätsel, wie es ein solch inhaltsleerer Kommentar in den fertigen Beitrag schaffen konnte.

So, einer hat noch was zu sagen: „Die fahren dann bei rot, wenn am rotesten ist.“ Das alles hätte auch weiter ausgeführt werden können, sogar über die Rotlichtverstöße ließe sich lange und trefflich diskutieren, stattdessen beließ man es bei plakativen Sprüchen.

Der viele unverhoffte Platz für Radfahrer stelle vor allem Taxifahrer vor Probleme. Komisch, Lastkraftwagen, Lieferanten und normale Kraftfahrer kommen demnach bestens mit der neuen Situation zurecht? Uwe Gawehn von der örtlichen Taxi-Innung hält gar nichts von Fahrradwegen auf der Fahrbahn, dadurch werde das Unfallrisiko erhöht, solche Fahrradwege führten zu Stress, sie erhöhten den Straßenverkehr und das Stauaufkommen.

Das meiste stellt sich nach einem Blick in die einschlägigen Studien als Unfug heraus. Das Unfallrisiko ist, auch wenn Schutzstreifen keineswegs die beste Lösung darstellen, auf Hochbordradwegen abseits der Fahrbahn deutlich erhöht. Der Stresspegel steigt bei den traditionellen Radwegen ohnehin auf beiden Seiten, weil die einen schauen müssen, den anderen nicht beim Abbiegen zu überfahren und die anderen schauen müssen, nicht plötzlich überfahren zu werden. Die Sache mit dem erhöhten Straßenverkehr ist natürlich auch ganz plausibel, denn genau wie breite Straßen noch mehr Kraftverkehr generieren, werden bessere Radverkehrsanlagen auf Dauer auch mehr Radverkehr verursachen — das war aber sicherlich nicht gemeint, Gawehn sorgt sich eher um den verbleibenden Platz auf der Fahrbahn, der, je nachdem, welcher Studie man nun glaubt, tatsächlich für Kraftfahrer problematisch sein könnte. Es gäbe also durchaus Diskussionsbedarf für dieses Thema… aber: Wer hat denn schon Zeit? Und vor allem: Wer hat Lust, sich damit zu befassen, wenn die Redaktion auch mit solch seichten, aber leicht kommunizierbaren Argumenten zufrieden ist?

Über die Hälfte der Unfälle von Radfahrer werde von den Radfahrern selbst verursacht, rechnet Taegener vor, gibt aber leider nicht an, in welcher Spalte sie diesen Wert gefunden hat. Gemeinhin lässt sich überschlage, dass etwas weniger als die Hälfte der Unfälle zwischen Rad- und Kraftfahrern von den unmotorisierten Verkehrsteilnehmern verursacht wird, was aber umgekehrt auch bedeutet, dass Kraftfahrer in mehr als der Hälfte aller Unfälle als Unfallverursacher geführt werden. Außen vor blieben offensichtlich die vielen Alleinunfälle, die, das ist ja nunmal der Witz an einem Alleinunfall, vom Verunfallten persönlich verursacht wurden, wobei dort meistens auch noch weitere Einflüsse ursächlich sind — beispielsweise schlechte Radverkehrsanlagen, die mehr einer Buckelpiste als einem Straßenteil gleichen.

Schon fast zynisch klingt es da, wenn Taegener resümiert, mehr Sicherheit im Radverkehr gäbe es vor allem durch sicheres Fahren, aber mutmaßlich meint, Radfahrer sollten gefälligst von der Fahrbahn fernbleiben, an Kreuzungen selbst aufpassen, nicht überfahren zu werden und ihre Geschwindigkeit soweit verringern, dass auch der schlechteste Radweg noch befahren werden kann.

Hatte das eigentlich noch etwas mit dem Thema zu tun? Im Endeffekt ging es offensichtlich darum, ob es noch mehr Schutzstreifen geben solle oder nicht. Das ist, wie oben erwähnt, durchaus ein vollkommen legitimes Thema für eine Diskussion, denn obwohl der Schutzstreifen durchaus zum Zwecke der Radverkehrsförderung taugt, ist er leider mit einer ganzen Reihe von Nebenwirkungen gestraft, deren Ausführung schon einen mehrstündigen Fernsehbeitrag rechtfertigen könnte. Natürlich lässt sich zu diesem Thema auch eine Befragung der Verkehrsteilnehmer senden, aber so richtig ergiebig wird das nie, dürfte doch den allermeisten jegliches Hintergrundwissen, geschweigedenn eine Kenntnis von § 2 Abs. 4 StVO fehlen, sofern sie nicht ihren Vorstellungen des Kampfradlers verhaftet sind, der sich bei roter Ampel in den fließenden Querverkehr stürzt.

Vielleicht ist das auch eine Besonderheit im Berlin-Brandenburger Rundfunk: Argumentationen werden hier sinnlos an die Mattscheibe geprügelt, die angekündigte Diskussion findet — zum Glück? — überhaupt nicht statt. Für eine Diskussion wäre es für beide Parteien notwendig, sich auf die Thematik einzulassen, sich mit der Materie zu beschäftigen und anschließend wohldurchdachte Argumentationsstränge auszuführen, gerne gewürzt mit ein paar markigen Sprüchen. Diese Unart, sich vollkommen stumpf an den Kampfradler-Zug anzuhängen und mal zu gucken, wen man mit der Argumentation denn am besten treffen kann, sollte endlich beendet werden.

Immerhin fiel nicht der Begriff des Kampfradlers. Dafür zahlt man doch gerne die neue Rundfunkgebühr.

Krieg auf der Straße: „Wir haben ihn nicht angefangen“

Heute in der ZEIT: “Jeder Radfahrer muss ab und zu kampfradeln”

Jens Siemering und Mehmed Dechert gestehen: Wir sind Kampfradler. Die einseitig auf Autos ausgerichtete Verkehrspolitik zwinge sie dazu, sagen sie im Interview.

Bei dem Interview mit den beiden Kampfradlern wird leider das Thema mit den benutzungspflichtigen Radwegen falsch wiedergegeben — man weiß leider nicht, ob die feine Differenzierung bezüglich benutzungspflichtiger Radwege erst bei der Verschriftlichung des Interviews entfallen ist oder ob den beiden Kampfradlern die Straßenverkehrs-Ordnung dahingehend unbekannt ist, auf jeden Fall sorgen leider solche Kleinigkeiten bei der nächsten Konfrontation auf der Straße womöglich wieder für Missverständnisse.

In den momentan 302 Kommentaren sind die Missverständnisse auf jeden Fall schon einmal angekommen: dort finden sich die üblichen, nicht lesenswerten Weisheiten aus der Fahrgastzelle.

„Kampfradler: für mich ist das etwas Neues“

Holger Dambeck schreibt bei SPIEGEL ONLINE über Das Rätsel des radelnden Holländers:

Was können die Deutschen von den Niederländern lernen? Vor allem einen entspannten Umgang mit dem Fahrrad. Trotzdem rätseln Verkehrsexperten, warum in Amsterdam, Utrecht und Eindhoven vieles so anders ist als in Deutschland.

Der wesentliche Unterschied: während in der Automobilnation Deutschland immer wieder der Krieg zwischen Kraft- und Radverkehr skizziert wird und das Fahrrad nach Meinung der meisten Verkehrsteilnehmer ohnehin bloß zur Fahrt zum Baggersee taugt, sind Zweiräder in den Niederlanden gesellschaftlich akzeptiert. Daraus folgt auch die Bereitschaft zur Finanzierung der entsprechenden Infrastruktur, während hierzulande Radfahrer einerseits nicht auf der Fahrbahn fahren, andererseits aber bitteschön mit einem handtuchbreiten Radweg zufrieden sein sollen.

Rüpelzone Straßenverkehr

Thore Schröder beschreibt in der B.Z., warum sich der Straßenverkehr mitunter doch als Kampfzone anfühlt: Die Vorfahrt habe: Ich, ich, ich

Rad gegen Auto, Fußgänger gegen Rad. Jeder gegen jeden. Berlins Verkehr wird immer ruppiger und gefährlicher.

„Radverkehrsregeln sind nicht mehr zeitgemäß“

Bernhard Stoevesandt ist Kampfradler und steht dazu: „Wir nehmen uns die Straße“

Eine Initiative von „Kampfradlern“ ruft Radfahrer zu zivilem Ungehorsam im Verkehr auf. Der Aktivist Bernhard Stoevesandt erklärt warum.

So richtig froh wird man als Radfahrer mit dem Interview allerdings nicht, wird dort doch direkt dazu aufgerufen, die Verkehrsregeln lieber links liegen zu lassen. Keine Frage: es gibt genügend Situationen, denen die Straßenverkehrs-Ordnung nicht gerecht wird und häufig genug steht man als Radfahrer plötzlich am Ende eines Radweges, der in einen reinen Gehweg mündet und fragt sich, wo es denn nun wohl langgehen soll. Da wächst natürlich die Bereitschaft, eigene Regeln zu schaffen, fällt man doch als Radfahrer offenbar durch das Wahrnehmungsraster von Behörden und Gesetzgeber.

Ob diese Art von zivilem Ungehorsam nun aber tatsächlich zu einem Umdenken in der Politik führt, scheint eher unwahrscheinlich. Bislang sorgten solche Manöver im Verkehr nur dazu, dass bestimmte Minister aus ihren Dienstwagen heraus unvorstellbares sahen und sich dem Kampf gegen den Kampfradler verschrieben.

„Die Radfahrer sind die schlimmsten“

Man möchte sich beinahe schon auf den nahenden Winter freuen: da ist die Bahn frei von so genannten Kampfradlern, die in Ermangelung eines regelmäßigen Aufenthaltes im Sattel auf Gehwegen oder linksseitigen Radwegen umherrollen. Vor allem aber endet mit dem Ende der Fahrradsaison hoffentlich die ständige negative Berichterstattung in den Medien: über das Fahrrad wird in der Regel nur berichtet, wenn ein Redakteur negative Erfahrungen mit Radfahrern gemacht hat oder ein besonders imposanter Unfall mit Beteiligung eines unbehelmten Radfahrers im Polizeibericht auftaucht.

Insofern kann man sich schon denken, was RTL Extra wohl aus diesem reißerischen Thema produziert hat: Warum es im Verkehr so gefährlich ist: Straßenkampf: Fahrrad gegen Auto

Ein Friedensschluss zwischen Auto- und Fahrradfahrer scheint unmöglich. Es wird gepöbelt und gedrängelt, ausgewichen und gehupt – und manchmal fliegen die Fäuste. Besonders in Großstädten ist eine Art Straßenkampf angesagt. Wer sich mit dem Zweirad auf deutsche Straßen traut, spielt manchmal mit seinem Leben. EXTRA erklärt, warum sich Auto- und Fahrradfahrer in deutschen Städten ständig in die Quere kommen und wie unsere niederländischen Nachbarn ein friedliches Miteinander schaffen.

Vielleicht, die Frage drängt schließlich seit der allerersten Krieg-auf-der-Straße-Reportage, vielleicht ist es im Straßenverkehr unter anderem „so gefährlich“, weil mit irreführender Berichterstattung in grob getakteter Regelmäßigkeit ein so genannter Krieg auf der Straße inszeniert wird, der in dieser Form überhaupt nicht stattfindet. Doch lässt sich womöglich der eine oder andere Verkehrsteilnehmer dazu verleiten, den nächsten „Kampfradler“, der mitten auf der Fahrbahn fährt, obwohl es einen bestens ausgebauten und breiten Radweg gibt, ein bisschen zu erziehen, man wisse ja schließlich, wie diese Radfahrer ticken, von denen halte sich ja eh niemand an die Verkehrsregeln. Ein kräftiges Ständchen auf der Hupe ist Mindestmaß, darunter gibt es nichts, darüber aber noch ein enges Überholmanöver mit anschließendem Schneiden, ganz kreative Kraftfahrer betätigen zusätzlich noch die Scheibenwaschanlage. Man darf davon ausgehen, dass viele nicht selber auf diese kreativen Belehrungsmethoden gestoßen sind, sondern sich einiges im Fernsehen abgeschaut haben.

Die Zielgruppe des RTL-Berichtes wird schon in den ersten Sekunden eingegrenzt, wenn die Sprecherin aus der Autofahrerperspektive das Treiben eines Radfahrers kommentiert. Eigentlich ist klar, wohin die Reise geht, eigentlich ist klar, dass sich die nächsten fünfzehn Minuten nicht lohnen werden. Aber gleich danach ist plötzlich von rücksichtslosen Autofahrern die Rede, die Radfahrer behindern und gefährden. Eine solche Sprache ist neu in der deutschen Fahrrad-Berichterstattung: bislang waren die Radfahrer die bösen und die Kraftfahrer, die konnten ja nicht anders, die mussten ja im Notfall auf dem Radweg parken, weil es zu wenig Stellplätze gab, die wurden beim Rechtsabbiegen von Radfahrern erschreckt, die plötzlich im Seitenspiegel auftauchen, die mussten Radfahrer überholen, die auf der Fahrbahn fuhren anstatt auf dem Radweg. Bislang war der deutsche Straßenverkehr schön einfach: auf der Fahrbahn die braven Kraftfahrer, vom Staat missbraucht als Melkkuh der Nation, und auf dem Radweg daneben und auf dem Gehweg und der Fahrbahn und sowieso überall die Radfahrer, die sich nicht an die Verkehrsregeln halten.

Überdies wurden beide als vollkommen homogene Gruppen ohne jegliche Überschneidungen dargestellt. Es gab auf der einen Seite Kraftfahrer, die nie auf dem Sattel sitzen, und es gab auf der anderen Seite Radfahrer, die nie mit dem Auto fuhren. Das erleichterte Argumentationen, nach denen Radfahrer keine Kraftfahrzeugsteuern zahlten, versperrte aber die Sicht auf die Realität: gerade häufige Kraftfahrer neigen dazu, sich plötzlich im Sommer zu einer Radtour im Sattel wiederzufinden und überhaupt gar keine Ahnung zu haben, wo sie mit ihrem Fahrzeug eigentlich hingehören. Empirischen Untersuchungen zufolge gehört ein wesentlicher Teil der unsicheren Radfahrer, die mit Vorliebe Gehwege und linksseitige Radwege befahren, dieser Gruppe an. Für solche Feststellungen reichte in der Berichterstattung aber weder die Zeit noch die Muße.

Aber bei RTL gibt es plötzlich Kraftfahrer, die Radfahrer gefährden. Man darf gespannt sein, was daraus erwächst.

Es geht zunächst mit der üblichen Befragung weiter, welche Verkehrsteilnehmer sich denn am schlimmsten im Straßenverkehr verhalten. Zwei zu eins steht es für die Fahrradfahrer, über die sich immer geärgert würde, ganz egal wann und wo.

An einer besonders unfallträchtigen Kreuzung installiert RTL eine Kamera, um das Verkehrsgeschehen beobachten zu können. Auch wenn das Material von mehreren Stunden zusammengeschnitten wurde, wird schnell deutlich, dass diese Kreuzung ihren Titel durchaus zu recht trägt. Überhaupt nicht verboten ist allerdings das Tragen von Kopfhörern, die RTL bei einer Radfahrerin sicherstellt, die beinahe von einem rechtsabbiegenden Kraftfahrzeug erfasst wurde. Sicherlich sind Kopfhörer im Straßenverkehr eher ungeschickt, allerdings verbietet § 23 Abs. 1 StVO nur eine Beeinträchtigung des Gehörs und die ist, auch wenn die meisten Polizeibeamten das anders sehen, bei leiser Musik noch nicht gegeben.

RTL bemängelt, dass diese Kreuzung, obwohl als Unfallschwerpunkt bundesweit bekannt, noch nicht umgebaut wurde, um eine Gefährdung wenigstens zu minimieren. Man knöpft sich Peter Lemke vor, den Fahrradbeauftragten von Köln, der in der Regel immer etwas ratlos dasteht und dieser Tradition treu bleibt. Er müsse sich das alles noch mal ansehen und planen und womöglich die Signalisierung ändern, aber das größte Problem scheint zu sein, dass sich der Radweg nicht verbreitern ließe, weil dazu dem Kraftfahrverkehr Platz genommen werden müsse. Dass die Kreuzung nun schon seit mehreren Jahren als äußerst problematisch, wenn nicht sogar als tödlich bekannt ist, scheint in der Verwaltung nicht bekannt zu sein. Schade, dass dieses Thema nicht weiter vertieft wird. Gäbe es im Kraftverkehr entsprechende Gefahrstellen, würden sie umgehend beseitigt und sei es ein vorübergehendes Tempolimit mit einer geänderten Signalisierung, bis man sich in der Verwaltung vernünftige Abhilfe überlegt hat.

Zusammen mit der Fahrradstaffel der Kölner Polizei geht es zu einer Baustelle, in der aufgrund der engen Platzverhältnisse das Radfahren verboten ist. Für Radfahrer gibt es eine Umleitung, die Berichten Kölner Radfahrer zufolge deutlich länger sein soll als die nunmehr gesperrte Verbindung. Auch hier wird wieder die Auseinandersetzung mit der Frage vermieden, warum denn der Radverkehr nicht einfach über die Fahrbahn geführt sind, auch hier wird der Eindruck erweckt, das Ignorieren des Verkehrsverbotes und der Umleitung sei ein rein fahrradspezifisches Problem — an jeder größeren Baumaßnahme mit Straßensperrung und Umleitung lässt sich jedoch beobachten, dass die Lust der Autofahrer, einer Umleitung zu folgen, Tag für Tag nachlässt und sich spätestens nach einer Woche lange Blechkolonnen durch die Wohngebiete zwängen. Dabei treten freilich nicht andauernd Kollisionen zwischen Fahrzeugen und Fußgängern auf, doch können Anwohner in der Regel ebenfalls von recht abenteuerlichen Ausweichmanövern quer über Gehwege und rote Ampeln berichten. Das bei solchen Umleitungen obligatorische Fahrverbot für die umliegenden, als Schleichweg missbrauchbaren Wohngebiete wird dabei durchaus konsequent ignoriert.

Als Mitfang darf natürlich nicht die Feststellung fehlen, dass die meisten Radfahrer, angesprochen auf ihr Fehlverhalten, nicht gerade erfreut reagieren und stattdessen sicherlich die eine oder andere Beleidigung fällt. Ruft man sich allerdings zurück ins Gedächtnis, dass sowohl Fahrrad- als auch Autofahrer zunächst einmal Verkehrsteilnehmer sind, die mit verschiedenen Mittel einen bestimmten Weg zurücklegen wollen, fällt rasch auf, dass auch Kraftfahrer keineswegs nach den üblichen Benimmregeln reagieren, werden sie beim Ignorieren eines Durchfahrtverbotes ertappt. Erst ein paar Tage vorher zeigte RTLs Mitbewerber Kabeleins die Kontrolle eines Durchfahrtverbotes an einer gesperrten Straße, an der sich die Mitarbeiter des Ordnungsamtes ebenfalls Unsinn ohne Ende anhören mussten. Trotzdem wird bei RTL wieder einmal der Eindruck erweckt, nur Radfahrer reagierten aggressiv auf Hinweise auf ihr Fehlverhalten.

Die nächste problematische Äußerung folgt schon ein paar Sekunden später: „Die Radfahrer können alle keine Schilder lesen“, beklagt eine Passantin und deckt damit vermutlich unbewusst eine recht tiefgreifende Problematik auf. Auch hier wird man feststellen, dass Verkehrsteilnehmer tatsächlich grundlegende Probleme zeigen, Verkehrsschilder zu erkennen und zu verstehen. Wird an einer innerörtlichen Straße das Zeichen 274-56, das bislang eine Höchstgeschwindigkeit von 60 Kilometern pro Stunde erlaubte, entfernt, so dass nur noch die üblichen 50 Kilometer pro Stunde erlaubt sind, düsen die meisten Kraftfahrer weiterhin mit mindestens 60 Kilometern pro Stunde dort durch. Natürlich rechtfertigt sich ein gewisser Anteil damit, Kraftfahrzeugsteuern zu zahlen und deshalb auch schneller fahren zu dürfen, doch ein wesentlicher Teil der Kraftfahrer nimmt die geänderte Beschilderung überhaupt nicht wahr. Bei den Radfahrern besteht sicherlich auch das Problem, dass nur engagierte Radfahrer die Bedeutung der für den Radverkehr relevanten Verkehrszeichen erklären können. Nun lässt das runde Zeichen mit dem Fahrrad und dem roten Rand eigentlich nicht viel Interpretationsspielraum, doch fällt es vielen Radfahrern offenbar wirklich schwer, die Bedeutung dieses Zeichens in den Fahrradlenker umzusetzen und nicht in die Engstelle zu steuern.

Man muss sich als Radfahrer, der sich mit Verkehrspolitik und der Straßenverkehrs-Ordnung beschäftigt, stets daran erinnern, dass außerhalb des Elfenbeinturmes die meisten Verkehrsteilnehmer andere Sorgen haben als auf die aktuelle Beschilderung zu achten oder sich Gedanken zu machen, wie eine bestimmte Stelle am vernünftigsten passiert wird. Die meisten Radfahrer tun es den Autofahrern gleich und fahren einfach drauflos, es werde schon irgendwie gutgehen. In der Fahrschule wird eigentlich jener Teil der Verkehrsregeln ausgespart, der für den Radverkehr relevant ist, denn schließlich zahlt der Fahrschüler für die Fahrerlaubnis eines Kraftfahrzeuges und nicht fürs Fahrradfahren. Im Verkehrsunterricht in den Schulen werden weder die Verkehrszeichen noch ihre Bedeutung angesprochen, dort lautet die Prämisse lediglich, unbedingt und bedingungslos jeden Radweg zu benutzen, sofern nicht noch empfohlen wird, auf Straßen ohne Radweg auf den Gehweg auszuweichen. So trägt es sich dann nun einmal zu, dass ein wesentlicher Teil der Radfahrer ohne richtige Kenntnis der Verkehrsregeln unterwegs ist und sich eines Fehlverhaltens überhaupt nicht bewusst ist. Die Leute, die in der Reportage durch die gesperrte Strecke fahren, sind schließlich gar nicht die so häufig skizzierten Kampfradler, da fährt die Oma zum Einkaufen, der Schüler nach Hause und die Mutter zur Arbeit. Doch in solchen Reportagen klingt der unausgesprochene Vorwurf durch, dass solche Probleme allein bei Radfahrern auftreten, die im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte und aus reinem Egoismus andere Verkehrsteilnehmer gefährden.

Nachdem jeder so genannte Kampfradler seine EC-Karte direkt an der Zahlstelle belastet hat, radelt das RTL-Team weiter durch die Kölner Innenstadt. Nächster Halt ist ein Kraftfahrer, der auf einem Radfahrstreifen parkt. Er wird zur Rede gestellt und antwortet im Ernst mit der klassischen Antwort, er müsse doch irgendwo parken und wenn es nicht genügend Parkplätze gäbe, dann eben auf dem Radweg — was solle er denn sonst tun?!? Doch niemand käme auf die Idee, diesen Kraftfahrer als rücksichtslos oder gar als Kampfkraftfahrer zu bezeichnen, denn Parkvergehen hin, Parkvergehen her, so ein Mann ist schließlich immer noch ein achtenswerter Mitbürger, da müssen ein paar böse Blicke reichen. Man stelle sich vor, wie langweilig diese Reportage wäre, würden die so genannten Kampfradler mit ähnlicher Gleichgültigkeit bedacht. Aber immerhin, und das muss man RTL schon hoch anrechnen, immerhin fand zwischen den ganzen Kampf- und Rüpelradlern der Hinweis Platz, dass sich an diesem Tage außer den achtlos rechtsabbiegenden Kraftfahrern von der Kreuzung zu Beginn des Beitrages auch ein Falschparker rücksichtslos verhalten hat.

Von Köln geht es rüber nach Amsterdam, wo bekanntlich das Fahrrad als vollwertiges und häufig genutztes Verkehrsmittel gilt. Die dortigen, außerordentlich großzügig dimensionierten Radwege sind überhaupt gar kein Vergleich zu der in Deutschland üblichen, mit Mühe vielleicht anderthalb Meter Breiten Buckelpiste. Während man in Deutschland sein Rad in der Regel an die nächste Straßenlaterne ketten muss, weil die drei Fahrradständer im näheren Umkreis noch immer belegt sind, gibt es drüben in der niederländischen Hauptstadt mehrstöckige Fahrradparkhäuser. Wer so etwas in Deutschland forderte, würde vermutlich ausgelacht. Hier gilt es noch immer als Patentrezept, den Radverkehr mit möglichst vielen Radwegen zu fördern, die leider weder den Vorgaben aus den Verwaltungsvorschriften genügen noch überhaupt in irgendeiner Form mit den beliebten Vorbildern aus unseren Nachbarländern vergleichbar sind.

Was bleibt, ist der schon beinahe verzweifelte Aufruf zu mehr Rücksicht und Toleranz. Vor allem aber bleibt der fade Beigeschmack, dass auch diese Reportage, obwohl sie sichtlich um Ausgleich bemüht war, hinter ihren Möglichkeiten deutlich zurückgeblieben ist. Zwar wurden wie so häufig all jene Zuschauer bedient, die vor allem auf krawallartige, verbale Zusammenstöße zwischen verschiedenen Verkehrsteilnehmern aus sind, wie diese Probleme aber entstehen und wie sie sich lösen ließen, das bleibt wie so häufig leider im Dunkeln — mit dem Thema ließen sich zwar locker mehrere Stunden problemlos füllen, allerdings dürfte eine solche Reportage für die angedachte Zielgruppe viel zu trocken bleiben.

Und so stellt sich RTL Extra in die Reihe der leider etwas missglückten Reportagen, die den Ursachen des so genannten Krieges auf den Grund gehen wollten, dann aber doch nur an der Oberfläche kratzten, die üblichen Kriegsschauplätze verfrühstückten und mit einem leicht hilflosen Aufruf zu rücksichtsvollerem Verhalten endeten.

Zum Glück wird es bald Winter.

„Rücksicht und Besonnenheit im Straßenverkehr“

W wie Wissen versucht sich ebenfalls an einer Interpretation des Krieges auf der Straße, obwohl man doch hoffen und meinen sollte, mit der Fahrradsaison endete auch der angebliche Kriegszustand auf der Straße: Kampfzone Verkehr

Mehr Radfahrer, mehr Autos – immer weniger Platz. Das wachsende Verkehrsaufkommen wird für alle Teilnehmer immer anstrengender: Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger, jeder pocht auf seine Rechte. Die Stimmung ist aggressiv geworden: Radfahrer fühlen sich von Autofahrern drangsaliert und umgekehrt, alle kritisieren die zunehmende Rücksichtslosigkeit. Von “Radler-Rambos”, „Krieg auf der Straße” und „gnadenloser Verdrängung” ist die Rede. Aber geraten wir auf der Straße tatsächlich in einen Kampfmodus? Psychologen warnen: je dichter der Verkehr, desto angespannter die Menschen.
Doch wann – und vor allem warum – verwandeln sich gemütliche Spaziergänger, brave Radler und verantwortungsvolle Familien-Papas in „Streetfighter”? “W wie Wissen” sucht im Asphaltdschungel nach der Lösung.

Na, nach der Lösung wird gesucht. Das ist doch erst vor einer Woche gründlich schiefgegangen? Egal, denn dem Thema kann sich ja trotzdem, wie sagt man so schön, ergebnisoffen genähert werden. Das fällt allerdings schwer, denn der Beitrag beginnt mit Filmen aus der Konserve: sowohl die warnwestenbewehrte Radfahrerin aus Hamburg, den einigermaßen aggressiven Taxifahrer aus Kiel und Dieter Beck aus Osnabrück, der als Vorzeige-Fußgänger in keiner Kriegsberichterstattung fehlen darf, die kennt man doch schon vom Norddeutschen Rundfunk aus einer misslungenen Reportage.

Immerhin: es gibt inzwischen einen Verkehrspsychologen, der die bereits bekannten Sequenzen etwas auflockert. Viel mehr aus dem vorhandenen Material gemacht wurde allerdings nicht: Dieter Beck, inzwischen Vorsitzender einer Bürgerinitiative mit dem wohlklingenden Namen Fußgängerschutz gegen Falschradler. Auch unter dem neuen Namen findet er weiterhin die Kraft, jedem Radfahrer hinterher zu rennen, um ihn auf sein Fehlverhalten aufmerksam zu machen und ihn leicht oberlehrerhaft zu belehren, aber auch diese Reportage bleibt die angekündigte Lösung schuldig: warum denn nun Radfahrer auf dem Gehweg mitten durch die Eisdiele radeln wird nicht weiter ausgeführt.

Beck darf sich weiterhin in teuren Sendeminuten über die bösen Radfahrer echauffieren, es wird nicht hinterfragt, ob Radfahrer denn nun aus purer Boshaftigkeit auf dem Gehweg radeln, um dort möglichst viele Fußgänger zu gefährden und zur Seite zu klingeln, oder ob, was eigentlich viel wahrscheinlicher ist, der Grund nicht doch eine Mischung aus Unkenntnis der Verkehrsregeln, der jahrzehntelangen Propaganda, Radfahren auf der Fahrbahn sei tödlich, und vor allem schlechten Angewohnheiten ist. Denn auch fünfzehn Jahre nach Aufhebung der generellen Radwegbenutzungspflicht gilt in den Köpfen der Verkehrsteilnehmer die Fahrbahn immer noch als ein absolut tödlicher Straßenteil. Und weil den Radfahrern weiterhin erklärt wird, es sei auf dem Radweg so viel sicherer als auf der Fahrbahn, was im Übrigen mittlerweile als widerlegt gilt, landen viele Radfahrer aus reinem Sicherheitsbedürfnis plötzlich auf dem Gehweg, wenn es keinen Radweg gibt. Man sagt nicht umsonst: wer Radwege säht, wird Gehwegradler ernten.

Die Verwaltung tut derweil ihr übriges, um die Situation möglichst unscharf wirken zu lassen. Mal muss der rechte Radweg benutzt werden, mal der linke, mal darf auf dem Gehweg geradelt werden, mal wird die Gehwegradelei kraft Zeichen 240 vorgeschrieben, dann endet sie plötzlich an der nächsten Kreuzung, obwohl der folgende Gehweg genauso aussieht wie der vorige und die Verkehrsbelastung auf der Fahrbahn nicht nennenswert gesunken ist. Klar, informierte Radfahrer blicken da durch, aber wer nur hin und wieder unbehelligt vom Studium der Straßenverkehrs-Ordnung auf dem Sattel sitzt, wird sich die Sache möglichst einfach und vermeintlich sicher machen: er befährt einfach alles, was nicht der Fahrbahn angehört. Tatsächlich sind es empirischen Untersuchungen gemäß vor allem so genannte „Nur-Autofahrer“, die zwei oder drei Sonntage im Sommer für eine kleine Radtour auf dem Sattel sitzen, sonst aber nur im Auto unterwegs sind, die eine besonders lockere Auslegung der Verkehrsregeln beherzigen und links und rechts der Fahrbahn und über rot und entgegen der Einbahnstraße holpern, weil sie das Fahrradfahren überhaupt nicht gewohnt sind und tatsächlich überhaupt gar keine Ahnung haben, welche Verkehrsregeln ungefähr gelten könnten.

Ja, man hätte schon aus diesem kleinen Thema herausarbeiten können, dass die ständige Hetze auf Fahrradfahrer als Wurzel allen Übels verfehlt, ungerecht und nur mittelbar zutreffend ist, aber entweder mangelte es dazu an Lust oder Sendezeit oder beidem, jedenfalls bleibt der Radfahrer zurück als das, was er angeblich ist: der schlimmste aller Verkehrsteilnehmer.

Verkehrspsychologe Jörg-Michael Sohn bringt nun die Ellenbogenmentalität ins Spiel. Seine Erklärung ist einleuchtend: die Interaktionen im Straßenverkehr sind nicht vom Miteinander, sondern vom Gegeneinander geprägt. Man fährt nicht mehr zusammen mit anderen Verkehrsteilnehmern auf der Straße, sondern gegen sie. Und gerade andersartige Verkehrsteilnehmer, die sich etwa in der Anzahl der Räder unterscheiden, gelten da ganz schnell als Konkurrenz.

Schade, dass Sohn nur ein paar Sekunden reden darf, denn gleich drängt Otto Stark, der Taxifahrer, der weiß nämlich, wie unvernünftig die Radfahrer sind. Aha, schon wieder diese Differenzierung: es gibt also Radfahrer, die sind tendenziell ganz böse, und es gibt Autofahrer, die bekanntlich die Melkkühe der Nation sind, die unter den bösen Radfahrern zu leiden haben. Stark weiß auch, wie man als Radfahrer am sichersten ans Ziel kommt: einfach mal auf die Vorfahrt verzichten und Rücksicht gegenüber dem Autofahrer walten lassen. Denn bei einem Unfall habe der Radfahrer den größeren Schaden, der Kraftfahrer nur eine Delle im Fahrzeug. Ja, so ganz verkehrt ist diese Aussage gar nicht, doch führt so etwas unweigerlich dazu, dass Autofahrer allenfalls noch unbekümmerter ihre Schiffe durch die engen Gassen lenken: wenn’s brenzlig wird, dann werden die anderen Verkehrsteilnehmer schon im reinen Eigeninteresse beiseite springen. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass diese Denkweise auch einigen Radfahrern anheim fiel: die fahren auch recht unbekümmert hier und dort lang, der Autofahrer wird schon aufpassen, der will schließlich niemanden totfahren.

Trotzdem war schon damals beim Norddeutschen Rundfunk diese Aussage ein ziemlicher Aufreger.

Und nun dass: „Der Stärkere hat Vorfahrt“, tönt es aus dem Off, „der Klügere sollte besser bremsen. Diese Egozentrik zeigen nicht nur Autofahrer, aber sie sind besonders anfällig dafür.“ Das klingt ganz ungewöhnlich, ein totaler Gegensatz zu Stark, der damals die Reportage des Norddeutschen Rundfunks mit seiner eigenwilligen Interpretation des Verkehrsgeschehens dominierte. Glatt möchte man hoffen, diese noch einmal aufgekochte Sendung nähme einen anderen Verlauf. Sohn erklärt, wie sich Autofahrer eigentlich in einem abgeschotteten Raum bewegen, der keinerlei Kommunikation mit der Außenwelt zulässt. Man muss das erst einmal sacken lassen: das Automobil gilt als Meisterleistung der Ingenieurskunst, als Quintessenz von Millionen Jahren der Evolution, aber im Kraftwagen ist der Mensch all seiner Kommunikationsfähigkeiten beraubt und kann sich mit zweideutigen Gesten, Hupe und Lichthupe kaum mehr ausdrücken als ein Kleinkind von vier Monaten.

Taxifahrer Stark behauptet, von sich aus häufig Kommunikation zu suchen. Sofern das in der Regel so geschickt abläuft wie im Intro, wo Stark aus dem Beifahrerfenster brüllt, braucht er sich über den ausbleibenden Erfolg seiner Kommunikationskünste eigentlich nicht zu wundern. Und wenn das Ignorieren der roten Ampel eines Radfahrers, der eigentlich nur einen Haltlinienverstoß begeht, um auf dem Radweg weiterzuradeln, als „ganz heiße Sache“ bezeichnet, lässt das gleichzeitig den Maßstab erahnen, mit denen er das Fehlverhalten anderer Verkehrsteilnehmer misst.

Gleich darauf kommen erstmals bislang unveröffentlichte Szenen in die Leitung. Vor Stark biegt ein schwer beladener Radfahrer links ab, während ein anderer Kraftfahrer Starks Taxi überholt. Dumme Situation, keine Frage, da hätte auch der Radfahrer besser aufpassen müssen, aber interessant, dass das eigentlich viel gefährlichere Fehlverhalten des überholenden Kraftfahrers überhaupt nicht zur Sprache kommt. Das ist offensichtlich ganz normal — genau wie die ablehnende Reaktion des Radfahrers, als Stark doch recht freundlich das Gespräch sucht. Wieder einmal blitzt das übliche Vorurteil der bösen Radfahrer durch, die nicht einmal zu ihrem Fehlverhalten stehen wollen. Man denke da an die vielen Autofahrer, die auf Knien rutschend gegenüber der Bußgeldstelle Besserung schwören, wenn sie beim Falschparken oder kultivierten Schnellfahren erwischt wurden. Nein: auch alle anderen Verkehrsteilnehmer lassen sich ungern auf ihr Fehlverhalten hinweisen. Schafft es ein Radfahrer, einen Autofahrer einzuholen, der ihm gerade die Vorfahrt nahm, dicht überholte oder sonst irgendwie beinahe über den Haufen fuhr, muss er schon froh sein, nicht direkt aufs Maul zu bekommen. Von Einsicht ist da ebenso wenig zu sehen.

Aber wie großartig die Neuauflage des alten Materials ist, zeigt wieder Verkehrspsychologe Sohn, der erklärt, warum es in der überhitzten Welt des Straßenverkehrs so schwer fällt, vernünftig mit seinen Mitmenschen zu agieren. Man muss Stark schon fast bemitleiden, weil er als Figur des offenbar typischen Autofahrers herhalten muss, der mit den Verkehrsregeln nur halbwegs klarkommt und sich berufen fühlt, im Verkehr für Recht und Ordnung zu sorgen, aber jedes Mal von Sohn belehrt wird. Allzu viel sollte man sich von dieser Reportage nicht versprechen, aber ein bisschen großartig ist das alles schon. Vor allem, weil mit dem bereits bekannten Material, das sich bloß am Krieg auf der Straße versuchte, eine gänzlich andere Reportage zusammengeschnitten wird.

„Ein offener Krieg auf der Straße“

Noch mal zum Nachlesen: Radeln ohne Regeln

Sie fahren über rote Ampeln, bei Dunkelheit ohne Licht, gern auch auf dem Gehweg, und überholen von rechts. Radfahrer in Großstädten pfeifen oft auf die Straßenverkehrsordnung. Viele fahren schnell, aggressiv und ohne Rücksicht auf Verluste. Und ziehen sich so den Zorn der Autofahrer und Fußgänger zu.

Das dazugehörige Protokoll gibt’s unten auf der Seite zum Herunterladen.

Wie akte 20.12 den Krieg auf der Straße inszeniert

Es ist furchtbar. Musste das wirklich sein? Hätte man das nicht besser machen können? Und vor allem: sinnvoller? Hätte man sich nicht Jumbo von Galileo ausleihen und irgendwelche Burger fressen können? Muss es wirklich der Krieg auf der Straße sein?

Der Krieg auf der Straße ist zurück. Dieses Mal inszeniert und dokumentiert von akte 20.12: Krieg auf der Straße!

Der Untertitel lautet ganz verheißungsvoll:

Auto- oder Radfahrer: Wer schert sich weniger um die Verkehrsregeln?

akte 20.12 geht das Thema an, indem zwei Mitarbeiter als Protagonisten auftreten, was schonmal nicht besonders klug gegenüber der eigenen Aufgabenstellung ist, denn wenn zwei eigene Mitarbeiter die Hauptrolle spielen, wird das mit den Verkehrsregeln ja eher so eine Drehbuch-Sache. Mal sehen.

Reporterin Anna fährt ein mit vier GoPro Heros bestücktes Fahrrad. Schnell gewinnt man den Eindruck, dass die gute Freu zum ersten Mal auf dem Rad sitzt, unter anderem daran erkennbar, dass sie alles besser weiß, aber recht unsicher unterwegs ist. Reporter Manfred fährt mit dem Auto und wirkt deutlich routinierter, unter anderem daran erkennbar, dass er alles besser weiß, vom Schulterblick aber nicht viel hält. Das ist eine ziemlich doofe Kombination, denn beide sollen nun eine mehr oder weniger festgelegte Tour durch Berlin beradeln.

Interessant ist vor allem, wie sich Reporterin Anna verhält. Manfred kann am Steuer nicht allzu viel falsch machen, denn Autofahren, das können in der Automobilnation Deutschland fast alle, vernünftig Radfahren allerdings kaum jemand und auch Anna macht sich ihre Tour durch Berlin unnötig schwer.

Das fängt damit an, dass akte 20.12 den abgegrenzten Radweg als bequem und toll und sicher feiert, dann aber moniert, er verlaufe zu dicht an den Kraftfahrzeugen. So etwas ist leider nicht selten, doch der im Film gezeigte Weg zählt definitiv nicht zu den schmalsten. Trotzdem radelt Anna exakt auf der linken Begrenzungslinie des Radweges und ist — Überraschung! — dem benachbarten Lastkraftwagen natürlich viel zu nah. Auf der folgenden Querungsfurt muss der Zuschauer gar kurz fürchten, die Reporterin schmeiße sich ohne Grund unter die Räder des Lastkraftwagens, denn sie radelt schon beinahe links neben der Furt und kann problemlos das Reifenprofil des Kraftfahrzeuges inspizieren. Kein Wunder, dass der Reporterin mulmig wird, sie den toten Winkel fürchtet, aber keinerlei Anstalten macht, die Gefahrenzone zu verlassen. Sicherlich ist das ein häufiges Problem bei den damit einhergehenden Unfällen, aber dazu verliert der Kommentator aus dem Off kein Wort. Stattdessen betont der Sprecher, es ginge um das Leben der Radfahrer, blendet dazu einen Crashtest zwischen Lastkraftwagen und Radfahrer ein, aber Anna radelt unbeirrt in der Gefahrenzone weiter. Gute Güte: warum bremst sie denn nur nicht?

Manfred nimmt derweil am Alexanderplatz verärgert zur Kenntnis, dass ein Radfahrer nach dem anderen eine rote Ampel passiert. „Ey, gilt rot nicht für Radfahrer?“, brüllt er verägert, man möchte schon beinahe Mitleid haben, denn er brüllt aus dem linken Fenster und wirkt eher hilflos. Aber wehe, ein Autofahrer fahre bei orange, klagt er, dann halte die Polizei sofort die Hand auf. Bei allem Verständnis: das ist gelogen. So ziemlich jeder Autofahrer drückt bei gelbem Licht noch schnell aufs Gas, kassiert wird nur in den allerwenigsten Fällen.

Das macht die potenziellen Rotlichtverstöße der Radfahrer natürlich nicht besser. Allerdings hat sich Manfred die denkbar schlechteste Kreuzung zum Wutbürgern ausgedacht, denn obwohl jener Fahrbahn-Signalgeber höchstwahrscheinlich auch den Radweg sperrt und der geschützte Bereich auch über den Radweg führt, kann bei einem Rotlichtverstoß eigentlich nichts passieren, sofern man auf die möglicherweise querenden Fußgänger achtet, denn andere feindliche Verkehrsströme gibt es auf diesem Radweg nicht. Überhaupt wird man aus der Gestaltung gar nicht so richtig schlau, ob das nun ein Radweg oder eine Radverkehrsanlage auf der Fahrbahn oder irgendein Hybrid sein soll. Trotzdem dürfte die Fahrbahn-Ampel hier gelten.

Die Rotlichtverstöße sind nicht in Ordnung, keine Frage, das braucht nicht schöngeredet zu werden. Anstatt aber mit dem Mikrofon den Radfahrern hinterherzujagen, hätte Manfred in Erfahrung bringen können, warum die Radfahrer denn nicht stehen bleiben. In häufigen Fällen dürfte die ehrliche Antwort mangelnde Regelkenntnis lauten: für Autofahrer ist in der Regel ganz klar, welche Ampel gilt, auf dem Sattel muss man sich zunächst mit einer komplexen Regelung auseinandersetzen und dann eruieren, wo denn wohl der geschützte Bereich verläuft. Das Zusammenspiel von einer recht unglücklich gestalteten Kreuzung im Zusammenspiel mit komplexen und vor allem unbekannten Regelungen führt schon beinahe zwangsläufig dazu, dass Radfahrer leichtfertig über rot fahren. Das ist nicht schön, aber auch nicht unbedingt verwunderlich. Interessant ist jedoch, dass sich akte 20.12 an dieser eigentlich noch recht ungefährlichen Situation so lange aufhält, statt jene Radfahrer auszumachen, die angeblich ständig bei roter Ampel in den fließenden Querverkehr stürzen. Ja, ob Anna hier gehalten hat, was auch der Sprecher aus dem Off fragt, das wäre interessant — wird aber seltsamerweise nicht aufgeklärt.

Denn Anna fährt momentan in einer Baustelle, in der es, wie akte 20.12 nicht müde wird zu erwähnen, keinen Radweg gibt. Eigentlich wartet man als Zuschauer nur noch darauf, dass nun endlich das Lied der gefährlichen Fahrbahn angestimmt wird, wo Radfahrer in ständiger Lebensgefahr schweben. Für den Eindruck sorgt Anna eigentlich schon selbst, denn eigentlich fährt sie gar nicht, sondern klemmt zwischen Baustellen und Kraftfahrzeugen und macht sich das Leben mit ihrer Fahrweise selber schwer. Mit einem minimalen Abstand zur rechten Betontrennwand hat sie keinerlei Sicherheitsabstand, geschweigedenn Platz zum Ausweichen, lädt aber alle folgenden Kraftfahrzeugführer zu gefährlichen Überholmanövern ein. Das wäre schon wieder ein Thema, dass die Reportage ausführlicher hätte beleuchten können, stattdessen hat Anna ein schlechtes Gewissen, dass sie nicht vom Lastkraftwagen hinter ihr überholt werden kann und rettet sich schon beinahe keuchend auf den rettenden Radweg. Schon wieder so eine unterschwellige Darstellung: der Radfahrer ist auf der Fahrbahn nur geduldet, muss sich möglichst unsichtbar machen und darf auf gar keinen Fall den Kraftfahrzeugverkehr behindern.

Auf dem Radweg wiederum läuft Anna zur Höchstform auf, bellt Fußgänger an, die gerade den Radweg queren, und muss einen Geisterfahrer lautstark auf sein Fehlverhalten hinweisen. Kann man machen, wirkt aber auch ein bisschen komisch.

Nun kommt Manfred. Manfred hat sichtlich schlechte Laune, denn wegen seiner Ampelaktion hat er mächtig Zeit verloren und steckt nun gerade in der Baustelle fest, die Anna unlängst passiert hat. Und nun ärgert er sich, weil vor ihm ein Radfahrer fährt und ihn nicht überholen lässt. Auf die Idee, einen Spurwechsel zu praktizieren kommt Manfred nicht, ebenso schwer fällt es ihm zu begreifen, dass der schmale Fahrstreifen gar keinen Platz für ein Kraftfahrzeug und ein Fahrrad bietet, selbst wenn der verhasste Radfahrer schon mit dem rechten Pedal an der Betontrennwand schrammt: „Das gibt’s doch gar nicht, er fährt die ganze Zeit vor uns und lässt uns nicht vorbei!“ Man kann die Entrüstung förmlich spüren! Hier hätte akte 20.12 nun wirklich langsam einen Hinweis anbringen müssen, dass Radfahrer in solchen Situationen keineswegs in der Gosse fahren müssen, um jeden wütenden und spurwechselfaulen Autofahrer das Überholen zu ermöglichen.

Anna macht derweil wieder Dummheiten und fährt viel zu dicht an parkenden Autos vorbei, als sich plötzlich eine Tür öffnet — gerade noch mal gutgegangen. Manfred macht sich derweil mit seinem Fahrzeug auf einer Abbiegespur breit — da ist Halten und Parken natürlich verboten, das ergibt sich aus Zeichen 297, stört aber in dieser Reportage niemanden. Auf dem Rückweg zur Redaktion mäht er glatt beim Rechtsabbiegen zwei Radfahrer um und stellt ganz erstaunt fest, dass die Spiegel in solchen Fällen nicht zu gebrauchen sind. Ein Glück, dass diese Situation gestellt ist, ansonsten müsste einem angesichts von Manfreds angeblicher Fahrpraxis schon Angst und Bange werden.

Noch ein paar Kilometer, schon ist alles vorbei. Und was lernt der interessierte Zuschauer daraus?

Nichts.

Nein, wirklich gar nichts, denn eigentlich hat man sich nur über die regeluntreuen Radfahrer aufgeregt. Dass Autofahrer beim Abbiegen nicht über die Schulter schauen, och ja, das ist wohl richtig, aber die Botschaft ist eindeutig: das eigentliche Problem im Straßenverkehr sollen die Radfahrer sein. Man hätte die Sache mit der roten Ampel vertiefen können, den Radfahrer als gleichberechtigten Verkehrsteilnehmer vor allem in der engen Baustelle darstellen können, den ganzen anderen Problemen auf den Grund gehen können, die sich aus dem Wissensgefälle der Verkehrsteilnehmer bezüglich der Straßenverkehrs-Ordnung ergibt, das hat man sich aber gespart und stattdessen publikumswirksam den Krieg auf der Straße insziniert.

Vernünftige Reportagen gehen anders.