Die abgedroschenen Sprüche in den Kommentaren der Onlinemedien zeugen wieder einmal vom Unverständnis: „Scherben bringen Glück“, schrieb einer, „Spieglein, Spieglein, an der Ampel, wer ist der dümmste Radfahrer im ganzen Land?“, frohlockte ein anderer in einem glücklicherweise mittlerweile gelöschten Foren-Thread.
Kleine Spiegel, die direkt am Signalgeber einer Lichtzeichenanlage montiert werden, sind bereits aus den fahrradfreundlichen Nachbarländern bekannt und werden dort zur Verkleinerung des gefährlichen toten Winkels eingesetzt — jetzt will die Stadt Münster mit zwei Spiegeln versuchen, ob diese Präventionsmaßnahme auch in Deutschland funktionieren: Spiegel an Ampeln soll Radfahrer retten
Die Gefahr für Radfahrer durch abbiegende Fahrzeuge soll durch eine Neuerung in Münster verringert werden. Ein Spiegel, der an Ampeln montiert wird, sorgt dafür, dass es keinen toten Winkel gibt. Jetzt wird das System erstmals in Deutschland getestet.
Es spricht allerdings einiges dafür, dass diese Spiegel in Deutschland nicht funktionieren werden — einfach bloß deshalb, und das soll jetzt überhaupt nicht so übertrieben klingen, weil die Niederlande nunmal eher eine Fahrradnation sind, während in Deutschland das heilige Blech regiert.
Es klingt schon verrückt, dass diese Spiegel überhaupt erst einmal in einem Modellversuch getestet werden müssen, wenn sie offensichtlich in den Niederlanden funktionieren und in Freiburg schon länger ähnliche Anbauten zum Einsatz kommen. Freiburg hat allerdings mit unseren westlichem Nachbarland gemein, dass das Fahrrad dort aus verschiedenen Gründen als Verkehrsmittel akzeptiert wird. Dort wird nicht einfach blind nach rechts abgebogen oder aus Pflichtgefühl, sofern denn der Fahrschulunterricht noch nicht allzu lange zurückliegt, kurz der Hals gewendet, um anschließend ebenso blind abzubiegen. Dort achten Verkehrsteilnehmer aufeinander und diese Spiegel helfen bei der Betrachtung der Umgebung.
In Deutschland allerdings, ja, in Deutschland allerdings ist die Sachlage grundverschieden. Hier erfolgt die Führung des Radverkehrs im Kreuzungsbereich auf eine in der Regel nicht besonders durchdachte Weise, die für Radfahrer die Unfallgefahr deutlich erhöht. Normalerweise bewegt sich der Radfahrer auf einer buckeligen und etwa einen Meter breiten Piste direkt neben dem Kraftverkehr und bekommt zeitgleich mit dem Kraftverkehr grünes Licht zur Überquerung der Kreuzung. Der Radfahrer tritt im Vertrauen auf seinen grünen Signalgeber in die Pedale, der Kraftfahrer biegt ab und weil beide nicht so richtig aufpassen, klemmt der Radfahrer unter dem Kraftfahrzeug und kommt mit Glück mit dem Leben davon. Hin und wieder betreibt die Polizeipresse anschließend angeblich Victim Blaming und schreibt in etwa, der Radfahrer habe nicht auf den abbiegenden Kraftfahrer geachtet.
Natürlich ist es vollkommen blöd, sich als Radfahrer an der roten Ampel neben einen rechts blinkenden Lastkraftwagen zu stellen, so etwas macht man schon aus reinem Selbsterhaltungstrieb nicht. Selbst wenn eine ganze Armada von Spiegeln an der Beifahrertür hängt, ist das keineswegs ein Garant dafür, als Radfahrer auch gesehen zu werden. Es wäre falsch zu behaupten, Lastkraftwagenfahrer hätten grundsätzlich keine Lust, auf Radfahrer zu achten und benutzten ihre Spiegel nicht im Vertrauen, dass Radfahrer sich schon aus Eigeninteresse fernhielten — wer einmal am Steuerrad eines Lastkraftwagens Platz genommen hat und sei es auf einer dieser anstrengenden Achtung-Toter-Winkel-Veranstaltungen weiß, dass ein halbes Dutzend Spiegel zwar einen großen Bereich rechts des Fahrzeuges abdeckt, aber nicht unbedingt viel zeigt. Dort kann das Hirn tatsächlich einen Radfahrer schlichtweg übersehen, da helfen auch helle Scheinwerfer am Fahrradlenker oder grelle Warnwesten nicht weiter.
Außerdem lässt es sich kaum vermeiden, neben einem Lastkraftwagen zum Stehen zu kommen — mitunter ist der Radfahrer zuerst an der Kreuzung, während der Brummi erst ein paar Sekunden später aufschließt. Abgesehen davon sind das Problem nicht nur die dicken, aber immerhin von Berufskraftfahrern gelenkten Transporter, sondern immer häufiger auch Personenkraftwagen. Man möchte glatt mutmaßen, dass wenigstens ein Teil der Kraftfahrer ständig im Blindflug um die Ecke kurvt und bloß bislang ohne Radfahrer davonkam, weil davon relativ wenige im Straßenverkehr zu treffen waren. Insofern schlägt sich der steigende Radverkehrsanteil plötzlich in der Unfallstatistik nieder, obschon eigentlich davon ausgegangen werden sollte, dass bei einem hohen Radverkehrsanteil eine gewisse Gewöhnung an den Schulterblick einsetzte.
Und wiederum abgesehen davon sind die Unfälle, die auf welche Weise auch immer auf eine mangelhafte Sicht aus dem Kraftfahrzeug zurückzuführen sind, leider nur ein Teil der Statistik: Mancher Kraftfahrer glaubt so lange, noch schnell vor dem Radfahrer rechts abbiegen zu können, bis es an der Beifahrertür kracht — sofern er denn überhaupt weiß, in welchen Situationen er Radfahrer durchlassen muss, denn auch diese Frage überfordert so manchen Fahrzeuglenker.
Das wiederum beweisen ganz eindrucksvoll die üblichen Kommentatoren, die dem Radfahrer in derartigen Unfallsituationen eine generelle Mitschuld attestieren wollen, weil er nicht auf das abbiegende Kraftfahrzeug geachtet hätte und überhaupt hielten sich Radfahrer ja eh nie an die Verkehrsregeln und benutzen ohnehin nicht die bestens ausgebauten und breiten Radwege — gekonnt lamentierend wird ignoriert, dass just diese angeblich sicheren Streifen rechts der Fahrbahn pünktlich in der Nähe einer Kreuzung zur Todesfalle werden.
Ob nun diese Spiegel helfen können, das Risiko wenigstens etwas zu senken?
Viel mehr könnte helfen, das Bewusst sein in der Fahrgastzelle zu stärken, dass insbesondere rechts des Fahrzeuges noch Radverkehr stattfindet. Und mit Blick auf unsere beiden Nachbarländer ließen sich eine ganze Menge Probleme bereits mit vernünftigen Radverkehrsanlagen lösen, auf denen sich vernünftig und sicher radeln lässt. In Deutschland werden allerdings noch nicht einmal lichtzeichengeregelte Kreuzungen so umgebaut, um dem Radverkehr ein sicheres Überqueren der Fahrbahn zu ermöglichen. Wenn überhaupt werden Fußgänger und Radfahrer einige Sekunden früher freigegeben, so dass in den ersten paar Sekunden keine allzu große Kollisionsgefahr mit merkbefreiten Kraftfahrzeugführern besteht, während in den folgenden dreißig oder sechzig Sekunden wieder das übliche Gefahrenpotenzial auf Opfer wartet.
Und so bleibt für den sicherheitsbewussten Radfahrer nach wie vor bloß die Wahl der Fahrbahn. Und es bleibt zu hoffen, dass sich alle anderen Radfahrer nicht auf die Spiegel verlassen — denn gerade das Vertrauen auf die grüne Ampel scheint für viele Unfälle ursächlich.